Langweilig oder Lange Weile

Ganz unauffällig, so, dass man es auch leicht übersehen kann, versteckt sich ein Fenster in der Autobahnkirche in der Nordwestecke. Und es gibt ja nichts in diesem Fenster, das die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Eine fast gleichmäßige Struktur, ohne Farben, ohne Abwechslung, Unterschiede nur durch die Herstellung der einzelnen Abschnitte bedingt. Man will den Blick gleich wieder abwenden und nach etwas abwechslungsreicherem suchen. Aber genau das ist wohl auch die Absicht von Emil Wachter. Er verführt uns, den Blick schweifen zu lassen, weil es hier ja nichts zu sehen gibt.
Aber dieses Fenster birgt doch ein Sinnbild in seiner Langweiligkeit. Es ist eines der wenigen Fenster, in denen man etwas mehr von der Welt draußen sieht. Und so ist unser Alltag. Wir hätten es gerne klar strukturiert und geordnet, regelmäßig und vorhersehbar. Das gibt Sicherheit und hilft tiefer zu schauen. Wenn man nun aber diese Langeweile aushält, dann wird wirklich lange Weile, ein langes Verweilen möglich. Wir sind nicht abgelenkt und die Konzentration auf das Wesentliche wird erleichtert. Wenn die Weile, wenn der Augenblick lang wird, dann treten wir schließlich in die Ewigkeit ein.
Langweilig wird es dann, wenn uns nichts mehr einfällt. Wahrscheinlich der Zustand, den wir heute mit allen Mitteln vermeiden wollen, es muss ja etwas laufen, langweilig verbrachte Zeit ist schlecht genutzte Zeit. Doch - und das zeigt uns jede spirituelle Schule - ist Lange Weile nötig, um zum Wesentlichen
vorzudringen. Wir lernen dabei, die Langeweile auszuhalten und diese scheinbar unnütze Zeit zu nutzen, um unser wahres Wesen zu entdecken. Je weniger Ablenkung da ist, um so einfacher wird es. Angelus Silesius schreibt im Cherubinischen Wandersmann: »Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.« (II,30)
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Bilderwelt der Autobahnkirche
 
  

Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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