Bilderweltarchiv 2024
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
Stilleschweigen ist lautere Stille
Auf Heu und auf Stroh
»Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh. Maria und Josef betrachten es froh. Die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.« Das ist die zweite Strophe des Weihnachtsliedes »Ihr Kinderlein kommet«. Es wird das übliche Weihnachtsidyll beschrieben, das wir mit Weihnachten und besonders mit Heiligabend verbinden. Im Mittelpunkt liegt, wie hier auf diesem Ausschnitt aus dem Weihnachtsfenster der Autobahnkirche das Kind, auf goldenem Stroh. Emil Wachter verzichtet darauf, das ganze Personal drumherum darzustellen. Das Kind reicht vollkommen aus. Es bildet die Mitte und den Kern der Weihnachtsbotschaft. Alles andere ist schmückendes Beiwerk, das für entsprechendes Ambiente sorgt, aber all das verdeckt eher, worauf es ankommt. In klarer und schlichter Form weist Emil Wachter darauf hin und räumt dem Kind den Platz ein, der ihm zusteht.
Du klare Sonn
Sonnentage gelten als die schönen Tage. Die Sonne scheint hell, die Luft ist klar, meist ist es richtig warm oder wenn es kalt ist, wird die Kälte als angenehm empfunden. Wir lieben es, wenn die Sonne scheint, und wir sehnen uns danach, besonders, wenn tagelang Wolken am Himmel waren. Die Sonne ist deshalb auch im übertragenen Sinn ein Zeichen für unsere Sehnsucht nach einer guten, heilen Welt. Nicht umsonst ist die Sonne zum Symbol für Gott schlechthin geworden. In vielen Religionen wird sie gottgleich verehrt und diesen Status hat sie bis heute nicht verloren. Wir verehren immer noch die Sonne. Menschen, die sich im Urlaub nach der Sonne sehnen und sich beim Baden in ihre warmen Strahlen legen, sind Sonnenanbeter. Hier schließt sich der Kreis zwischen wirklicher Erfahrung und übertragener religiöser Deutung.
Heilsame Frohbotschaft
Der Evangelist Lukas wird an der Autobahnkirche am Pfeiler im Nordwesten als Stier dargestellt. Das ist das Symbol, mit dem er immer wieder auftaucht und das Emil Wachter natürlich auch verwendet. Natürlich hat er jetzt wenig mit einem Stier zu tun, man weiß auch nicht genau, wie es zu dieser Zuschreibung gekommen ist. Das ist auch zweitrangig. Wichtig ist, dass wir einen der vier Pfeiler der Autobahnkirche ihm zuschreiben können. Lukas war höchstwahrscheinlich ein Jude griechischer Abstammung, der sich besonders der Heilkunde verpflichtet wusste. Sein Interesse galt deshalb auch den Heilungen, die Jesus vollzogen hat. Es war ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Evangelium nicht nur eine frohe Botschaft ist, sondern auch eine heilsame. Es soll eine Botschaft sein, an der Menschen an Leib und Seele gesund werden können.
Der Himmel reißt auf
In einem bekannten Adventslied des Barockdichters Friedrich von Spee (1591-1635) heißt es: »O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!« In diesem Lied ruft der Dichter nach einer Veränderung, für die die Menschen nicht mehr sorgen können. Es braucht das Eingreifen des Heilands, des göttlichen Gesandten, um die Not, die herrscht, zu wenden. So ist dieses Lied angesichts des Elends, das uns in der Welt tagtäglich begegnet, immer noch aktuell. Es führt uns vor Augen, dass wir angesichts des Leidens sehr wenig ausrichten können.
Gottes Gegenwart ist ewig
In der Gebetssprache taucht das Wort Ewigkeit meist am Ende eines Satzes auf und ist die Aufforderung zu einem »Amen«, »So ist es!« Durch diesen Gebrauch ist »die Ewigkeit« formalisiert und all ihrer Bedeutungsschwere beraubt. Sie ist gezähmt und hat kaum Auswirkungen auf unser Denken, geschweige darauf, was wir tun. Aber das sollte sie, denn kaum ein Begriff ist so eng mit der Gegenwart Gottes verknüpft wie das Konzept der Ewigkeit. In der überirdischen Weise, wie wir Gott zu denken versuchen, ist das Ewige des Göttlichen Seins das vielleicht größte Unterscheidungsmerkmal zu uns sterblichen Menschen. Wir erleben Zeit, wir erfahren unsere Lebenszeit als begrenzt, der Tod gehört dazu. Wir wollen ihn zu Recht nicht akzeptieren und sehnen uns nach der unbegrenzten Fortdauer unserer Existenz. Zumindest wird unsere Lebenszeit als zu kurz empfunden.
Mächtig, kräftig, herrlich, ewig
Mit dem Lobpreis am Ende des Vaterunsers werden alle Register gezogen, um Gott ins rechte Licht zu rücken. Gott werden Eigenschaften zugeschrieben, die einem Herrscher würdig sind. Wenn am Anfang noch die liebevolle Anrede »Unser Vater«, oder wenn man es im Sinne Jesu formuliert: »Lieber Papa« dem Gebet eine persönliche Ausrichtung gibt, dann ist diese mit der Ehrerbietung zum Schluss nicht mehr zu finden. Im Gegenteil, Gott bekommt wieder ganz ein überirdisches, übermenschliches und herrscherliches Gesicht. Das ist nicht mehr der liebevolle Vater, von dem Jesus spricht, sondern im besten Fall der gütige Herrscher, dem man sich unterwerfen muss. Er wird zu dem richtenden König, der auf dem Thron sitzt, den man sich gewogen machen muss, dass er auf einen schaut und es gut meint. Dem dienen auch die Zuschreibungen, die hier Verwendung finden. Macht, Kraft, Herrlichkeit und Ewigkeit liegen in den Händen Gottes.
Von Gott ausgesprochen
Das Besondere am Schöpfungslied, das zu Beginn des Buches Genesis in der Bibel steht, ist die Art und Weise, wie Gott alles schafft: Gott spricht - es wird - es ist gut. Alles, was ist, entsprang dem Wort Gottes. Das gilt auch für die Erschaffung des Menschen. Gott spricht, und es wird so, wie gesprochen. Das unterscheidet diese Art zu Schaffen von Schöpfungsdarstellungen aus anderen Religionen und Traditionen. Selbst im darauffolgenden (älteren) Schöpfungsbericht, schafft Gott mit den Händen und mit Material, das entsprechend geformt wird. Wenn Gott jetzt spricht und alles entsteht, dann hat das natürlich auch Konsequenzen für unser eigenes Selbstverständnis. Wir sind nicht nur von Gott geschaffen, sondern auch von Gott ausgesprochen. Das ist mehr als nur ein kreativer Schaffensprozess.
Die Herrlichkeit Gottes
Unsere Sprache ist verräterisch! Wir bekommen durch sie verschiedene Informationen, doch wir vermitteln unbewusst auch eine bestimmte Weltsicht. Das kommt daher, weil Sprache etwas Gewachsenes ist und sich durch die Menschen und mit den Menschen, die sich ihrer bedienen, verändert. So taucht in einer Gesellschaft, die patriarchalisch geprägt ist, das Wort »Herr-lichkeit« in Verbindung mit dem »Herr-scher« auf. Dort, wo der Arm des Herrn hinreicht, dort ist es herrlich. Wenn man den heutigen Gegensatz dazu nimmt, dann sind wir beim Wort dämlich, was nun niemand sein will, von der »Dämlichkeit« Gottes einmal ganz zu schweigen.
Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm kommt herrlich ursprünglich von hirlich, was so viel heißt wie von edler Abkunft, was wir noch bei dem Wort hehr finden.
Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm kommt herrlich ursprünglich von hirlich, was so viel heißt wie von edler Abkunft, was wir noch bei dem Wort hehr finden.
Anspruchsvoll
Das Gehör ist wohl unser zweitwichtigstes Sinnesorgan. Wir nehmen vieles mit den Ohren wahr. Geräusche von außen dringen an unser Ohr, aber auch Botschaften. Diese werden über Sprache vermittelt, über Musik und ganz bestimmte Töne, deren Bedeutung wir kennen. All diese Laute wurden mit einem besonderen Grund erzeugt: Sie wollen jemanden ansprechen, sie haben einen gewissen Anspruch. Das kann der Anspruch von Warnung vor einer Gefahr sein, die sachliche Mitteilung einer Nachricht oder die Botschaft von etwas, das uns möglicherweise im Herzen berührt. Je gewichtiger diese Worte sind, umso anspruchsvoller sind sie. Das gilt wohl nicht für Warnungen und auch nicht unbedingt für sachliche Nachrichten.
Gott ist Kraft
Es ist schwer, von Gott zu reden. Wir tun uns heute schwer, das in Worte zu fassen, was Gott ist. Unsere Bilder reichen nicht so weit, dass sie annähernd das auszudrücken vermögen, was wir uns unter Gott vorstellen. Selbst wenn wir göttliche Eigenschaften benennen, kommen wir keinen Schritt weiter. Im Denken sind uns immer Grenzen gesetzt, die wir nicht überschreiten können. In der Gebetssprache allerdings wimmelt es von ganz konkreten Aussagen über Gott. Das ist nicht verwunderlich, denn beim Beten stützen wir uns auf fassbare Bilder. Wir verwenden Begriffe, unter denen wir uns im Alltag etwas vorstellen können, die war aber auf Gott hin ins Unermessliche steigern. Das sind zwar keine konkreten Aussagen über Gott, sie helfen uns doch, etwas ins Wort und ins Reden zu bringen, was uns sonst nicht möglich wäre.
Das Böse besiegen
Das, was das Leben bedroht, ist böse und muss vernichtet werden. So lautet einer der wichtigsten Glaubenssätze unserer Zeit. Doch wir merken, dass vieles, was wir als böse bezeichnen, die Folge unseres eigenen Handelns sind. Ob das die Klimaerwärmung ist, ob Krieg oder Umweltzerstörung, immer sind wir zumindest zu einem Teil mitverantwortlich, oder es gäbe das nicht, wenn es unsere Gattung Mensch nicht gäbe. Das Böse lässt sich nicht ausrotten. Wenn wir es doch versuchen, dann schaffen wir neues Unheil, und das, was als das Böse bezeichnet wird, setzt sich fort. Manchmal hat man den Eindruck, man wird es gar nicht los und es verfolgt uns auf Tritt und Schritt. Dann ist der Gedanke nicht mehr weit, dass die Welt die Hölle an sich ist, die es zu überwinden gilt. Ich muss hier nichts anstreben, sondern mein ganzes Tun und Trachten auf das Andere, das Gute, das himmlische Leben richten.
Mose teilt das Meer
Es ist das Bild, das am der Nordseite des Mose-Turmes sofort ins Auge springt: Mose stemmt sich gegen die Wassermassen und ermöglicht es seinem Volk, trockenen Fußes durch das Schilfmeer zu ziehen und den Ägyptern zu entkommen: »21 Nun streckte Mose seine Hand über das Meer aus, und der HERR ließ die ganze Nacht über einen starken Ostwind wehen, der das Wasser zurücktrieb. So verwandelte sich das Meer in trockenes Land. Das Wasser teilte sich, 22 es stand auf beiden Seiten wie eine Mauer, und die Israeliten gingen trockenen Fußes mitten durchs Meer.« (Exodus 14,21-22, Übersetzung Gute Nachricht) Im Bibeltext hört es sich lange nicht so spektakulär an, wie wir es am Mose-Turm sehen. Hier ist es Moses, der sich zwischen das Wasser und sein Volk stellt. Er agiert als Held, der mit Einsatz all seiner Kraft seinem Volk die Rettung bringt.
Engel, die dich begleiten
»Da habe ich einen Schutzengel gehabt!« Solche Aussagen treffen wir dann, wenn wir eine große Gefahr für Leib und Leben weitgehend unbeschadet überstanden haben. Wir knüpfen an ein Bild an, das wir von Kindertagen kennen. Da wurde oft davon erzählt, dass Engel auf uns aufpassen und vor Gefahren behüten. Sie sind von Gott beauftragt, damit wir gut und sicher durchs Leben gehen. Unsere Erfahrung ist aber oft eine andere, das Leben ist lebensgefährlich, und immer wieder geht etwas schief. Der Schutzengel war nicht zur Stelle und hat nicht rettend eingegriffen. Da kommen zu Recht Zweifel auf, ob wir da noch von Engeln, besonders von Schutzengeln reden sollen. Sicherlich stellen wir uns keine ätherischen Wesen vor, die hinter uns stehen und auf uns aufpassen uns rechtzeitig vor oder in der Gefahr retten.
Babylonisches Sprachgewirr
An der Westseite des Noah-Turmes sehen wir eine sonderbare Darstellung. Ein kopfloser Mensch sitzt da. Er ist nackt und hält eine Schlange mit einem Menschenkopf in der Hand. Dieser Kopf trägt eine Brille, das Zeichen für einen gelehrten Menschen. Drum herum sind mehrere Köpfe zu sehen. Bei jedem hat man den Eindruck, dass er redet. Emil Wachter möchte mit diesem Relief die Folgen des Turmbaus von Babel darstellen. Durch die Überheblichkeit der Menschen, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, das heißt also wieder einmal so zu werden wie Gott, zerstreiten sie sich, das Projekt scheitert kläglich. Sie werden in alle Winde zerstreut, weil sie sich nicht mehr verständigen können und sich nicht mehr verstehen. Im Buch Genesis ist das die Erklärung dafür, warum es so viele Sprachen auf der Welt gibt. Tiefer gesehen auch eine symbolische Erzählung darüber, warum sich Menschen entzweien und sich nicht mehr verstehen.
Salome tanzt
Kaum eine Szene, vielleicht von der Kreuzigung Jesu abgesehen, hat die Phantasie von Dichtern, Malern und Komponisten so angeregt wie der Tanz der Tochter des Herodias vor Herodes Antipas. Als Belohnung für diesen Tanz lässt sie sich auf Befehl ihrer Mutter das Haupt des Täufers bringen. Wie muss dieser Tanz gewesen sein, dass er einen so hohen Preis wert war? Ob es ein Schleiertanz oder ein Bauchtanz war, ob mehr oder weniger lasziv, das lässt sich schwer sagen, er wird ja nicht beschrieben, das bleibt der Kunst vorbehalten, die diesen Tanz deutet. So stellt auch Emil Wachter am Johannes-Fries die tanzende Salome dar.
Die acht Seligkeiten
Die Seligpreisungen gehören zu den schönsten Predigten, die wir im zweiten Testament aus dem Munde Jesu kennen. Hier bringt er auf den Punkt, wem seine Botschaft gilt: »3 Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten – mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt. 4 Freuen dürfen sich alle, die unter dieser heillosen Welt leiden – Gott wird ihrem Leid ein Ende machen. 5 Freuen dürfen sich alle, die unterdrückt sind und auf Gewalt verzichten – Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben. 6 Freuen dürfen sich alle, die danach hungern und dürsten, dass sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt – Gott wird ihren Hunger und Durst stillen. 7 Freuen dürfen sich alle, die barmherzig sind – Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein. 8 Freuen dürfen sich alle, die im Herzen rein sind – sie werden Gott sehen. 9 Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften – Gott wird sie als seine Söhne und Töchter annehmen. 10 Freuen dürfen sich alle, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will – mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt. 11 Freuen dürft ihr euch, wenn sie euch beschimpfen und verfolgen und verleumden, weil ihr zu mir gehört. 12 Freut euch und jubelt, denn bei Gott erwartet euch reicher Lohn. So haben sie die Propheten vor euch auch schon behandelt.« (Matthäus 5,3-12, Übersetzung Gute Nachricht)
Alles, was wir brauchen
Es gehört zu den anrührendsten Bildern, wenn ein Vogel am Nest bei seinen Jungen gezeigt wird. Der Elternvogel, der die aufgesperrten Schnäbel seiner Jungen mit Futter stopft. Dieses Bild spricht nicht nur Kinder an, sondern es bewegt auch die Erwachsenen, denn es rührt an eine Sehnsucht, nach Fülle und Versorgt-sein. Man muss sich nicht kümmern, nur warten bis die Eltern zurückkommen und Futter bringen. Es ist auch ein Bild für die Sorge Gottes um die Menschen und ein Sehnsuchtsort für den, der sich von Gott verlassen fühlt. Der Beter des Psalmes 84 betet: »Sogar die Vögel dürfen bei dir wohnen; die Schwalben bauen ihr Nest bei deinen Altären und ziehen dort ihre Jungen auf.« (Psalm 84,4 Übersetzung Gute Nachricht) Den Vögeln geht es besser als ihm selbst, denn sie dürfen beim Tempel nisten, von dem er so weit entfernt ist. Das Nest, in dem er versorgt würde, in dem Gott auf ihn schauen würde, ist für ihn unerreichbar.
Mose muss fliehen
Es sieht aus wie bei einem Krimi. Genaugenommen ist es ja auch einer. Eine finstere Gestalt macht sich gerade aus dem Staub, doch er wird verfolgt von einem, der mit dem Finger auf ihn zeigt: »Der war es!« Über allem ein Gesicht, das diese Szene beobachtet. Man hat den Eindruck, als bewege man sich in unterirdischen Katakomben, es herrscht eine düstere Stimmung. Dieser Krimi, den Emil Wachter an der Südseite des Mose-Turmes darstellt, ist ein echter Kriminalfall, vor über dreitausendvierhundert Jahren in Ägypten verübt:
Engel, die Tränen zählen
Nach der Legende soll der römische Soldat Longinus die Seite Jesu, nachdem er gestorben war durchstoßen haben und ein Engel vom Himmel gekommen sein, der das Blut und das Wasser, das herausgeflossen war, mit einem Kelch aufgefangen haben. Die wertvolle Flüssigkeit sollte nicht verlorengehen, es war gleichsam ein Beweis dafür, dass Jesus gestorben und doch in der himmlischen Herrlichkeit geborgen war. Es ist ein Zeichen für das Leid, das geschieht. Aber es wird gesehen! Gott sieht es. Dieses Wissen, dieses Gefühl gehört wesentlich zur religiösen Erfahrung und hilft, dass Hoffnung angesichts von Leiden nicht stirbt. In dem heute weitestgehend unbekannten Gedicht Urania von Christoph August Tiedge (1752-1841), lautet ein Abschnitt, der durch die zweimalige Vertonung durch Beethoven im Gedächtnis blieb: »O Hoffnung, lass, durch dich empor gehoben, den Dulder ahnen, dass dort oben ein Engel seine Tränen zählt!«
Vor Schreck ganz starr
Der Untergang von Sodom und Gomorrha wird als ein schreckliches Ereignis im Buch Genesis geschildert. Es ist gar nicht nötig, den Schrecken im einzelnen auszumalen, es reicht, in einem kurzen Satz zu erzählen, was mit Lots Frau dabei geschah: »23 Die Sonne ging gerade auf, als Lot in Zoar ankam. 24 Da ließ der Herr Schwefel und Feuer vom Himmel auf Sodom und Gomorra herabfallen. 25 Er vernichtete die beiden Städte und die ganze Gegend, ihre Bewohner und alles, was dort wuchs. 26 Lots Frau aber schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule.« Diesen Moment hat Emil Wachter an der Westseite des Abraham-Tores dargestellt. In sich verdreht vom Blick zurück steht Lots Frau starr da. Das, was geschieht, raubt ihr den Atem , sie ist starr vor Schreck.
Gib uns heute tägliches Brot
Diese Bitte aus dem Vater unser ist wohl die, die wir am besten verstehen. Wir können sie als eine ganz konkrete Bitte in unsere Welt hinein verstehen, denn es geht hier wirklich darum, dass die alltäglichen lebensnotwendigen Bedürfnisse gestillt werden können. Es ist eine Grundangst des Menschen, dass nicht genügend zu Essen da ist und dass man Hunger leidet. Deshalb war und ist der Nahrungsversorgung ein Großteil der Lebenszeit gewidmet. In früheren Zeiten war der Tag mit Nahrungsbeschaffung ausgefüllt. In Zeiten der Arbeitsteilung und der Industrialisierung wurde dieser Aufwand immer geringer, man hat jetzt Zeit für andere Dinge. Dass man beim Lebensunterhalt ausschließlich an Nahrung denkt, ist nicht mehr der Fall. In unseren Breiten ist es selbstverständlich, dass kaum jemand Hunger leiden muss. Doch das ist nur scheinbar so. In Krisenzeiten greifen die alten Mechanismen und man sucht sich genügend Nahrung und hortet diese, wenn es möglich ist. Und es muss jeweils für heute reichen, wenn Horten nicht möglich ist.
Petrus der Fischer
Das Christentum ist, wie jede Religion, eine Sammlung von Ideen und Überzeugungen, die von Menschen erfahren und weitergetragen werden. Oft waren es besonders gebildete Menschen, die für eine neue Form des Glaubens eingetreten sind. Der Apostel Paulus ist das für das Christentum. Aber es gibt auch andere Menschen, die mindestens genauso wichtig waren, aber nicht diese Ausbildung hatten. Da ist vor allem Petrus zu nennen, der als einer der Jünger Jesu die Führung im Kreis der Apostel für sich beanspruchen konnte. Dabei war das für ihn gar nicht vorgesehen. Er war ein einfacher Mann, der am See Genesaret lebte, Er hatte Familie, ging seinem Beruf als Fischer nach. Er lebte wahrscheinlich bewusst nach den Vorschriften der Tora, wie alle seine Nachbarn. Über seine weiteren Lebensumstände wissen wir nichts, wir können es nur vermuten. Sein Alltag war der eines Fischers. Zusammen mit seinen Berufskollegen fuhr er, wann immer es ging, meist nachts auf den See hinaus, um zu fischen.
Der Grund Gottes
In der christlichen Farbenlehre wird Gold immer dann verwendet, wenn von Gott die Rede ist. Wenn Heilige beispielsweise auf goldenem Grund dargestellt sind, dann heißt das, dass sie in der Gegenwart Gottes leben, sie sind ganz vom göttlichen Glanz umgeben und durchdrungen. So taucht Gold auch in den Glasfenstern der Autobahnkirche auf. Besonders im Geburtsfenster an der Nordseite sehen wir eine große goldene Fläche, auf der Jesus als Neugeborenes liegt. Natürlich besteht hier auch der Bezug zur Krippe mit dem Stroh, auf das das Kind gelegt wurde. Dieses Stroh ist golden und bildet die Unterlage, auf der Emil Wachter die Menschwerdung Gottes darstellt.
Es hat eine besondere Bedeutung, wenn das Stroh in der Krippe zum Grund Gottes wird. Stroh ist das einfachste landwirtschaftliche Produkt und wird als Abfallprodukt der Getreidegewinnung weiter verwendet. An sich ist Stroh wertlos, wird als Streu verwendet und mit den Fäkalien der Tiere auf dem Misthaufen entsorgt.
Es hat eine besondere Bedeutung, wenn das Stroh in der Krippe zum Grund Gottes wird. Stroh ist das einfachste landwirtschaftliche Produkt und wird als Abfallprodukt der Getreidegewinnung weiter verwendet. An sich ist Stroh wertlos, wird als Streu verwendet und mit den Fäkalien der Tiere auf dem Misthaufen entsorgt.
Liebesbande
Zwei junge Menschen stehen einander gegenüber, sie sehen sich und fühlen sich zueinander hingezogen. Zwischen ihnen entsteht mit Blüten und Ranken verziert ein Band, das sie immer näher zueinander bringt. Sie lernen sich kennen, sie finden zueinander, ihre Liebe bindet sie immer enger zusammen. So kann man diese Darstellung von Emil Wachter am Abraham-Fries der Autobahnkirche deuten. Wir sehen Abraham und Sarah, oder Abram und Sarai, wie sie zu diesem Zeitpunkt noch heißen, als junges Paar, das sich findet. In der Bibel wird nichts davon berichtet, wie Abraham und Sarah sich kennenlernen, ihre Heirat und die kinderlose Ehe werden erwähnt. Als Abraham 75 Jahre alt war, Sarah war wohl kaum jünger, werden sie von Gott aufgefordert, ihre Heimat zu verlassen und nach Kanaan zu ziehen.
Verstoßen
Eine Mutter mit ihrem Kind, die beiden sind zärtlich miteinander verbunden, sie brauchen einander. In dieser Zweisamkeit scheinen sie allen Gefährdungen der Welt da draußen zu trotzen. Diese Darstellung am Abraham-Fries an der Autobahnkirche strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Doch der Schein trügt. Wir sehen hier Hagar mit ihrem Sohn Ismael. Die Ehe von Abraham und Sarah blieb trotz göttlicher Verheißung kinderlos. Deshalb trifft Sarah die Entscheidung, dass Abraham mit ihrer Magd Hagar ein Kind zeugen soll. Hagar gebiert den Sohn Ismael. Er wird umhegt und umsorgt, bis Sarah selbst schwanger wird und einen Sohn, Isaak, zur Welt bringt. Die, die bisher gut genug war, stört jetzt und muss fort. Sie wird verstoßen, man braucht sie und ihren Sohn nicht mehr.
Trennendes Feuer verbindet
Abraham möchte von Gott eine Bestätigung der Zusage, dass er zu einem großen Volk werden wird. Bisher sprechen alle Anzeichen dagegen, die Ehe zwischen Abraham und Sarai ist noch immer kinderlos. So fordert Gott Abraham auf, ein Opfer vorzubereiten, damit er zeigen kann, wie er seine Zusage einhält.: »10 Abram holte die Tiere, zerteilte jedes der Länge nach in zwei Hälften und legte die Teile einander gegenüber; nur die Vögel zerteilte er nicht. 11 Raubvögel fielen über die Stücke her, aber Abram verscheuchte sie. 12 Als die Sonne unterging, fiel Abram in einen tiefen Schlaf, und eine unheimliche, erdrückende Angst legte sich auf ihn. (...) 17 Als die Sonne untergegangen und es ganz dunkel geworden war, sah Abram auf einmal einen rauchenden Schmelzofen und eine brennende Fackel, die fuhren zwischen den zerteilten Tieren hindurch. 18 Auf diese Weise schloss der HERR damals mit Abram einen Bund und gab ihm die Zusage: »Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land.« (Genesis 15,10-12.17-18, Übersetzung Gute Nachricht)
An den Quellen des Lebens
Im Nahen Osten, dem gelobten Land, gibt es viele fruchtbare Landstriche, aber auch solche, in denen Wasser rar ist. Deshalb spielen die Brunnen in der Geschichte Abrahams und seinen Nachkommen eine große Rolle. Für die Nomaden, die mit ihren Herden umherziehen, ist es lebenswichtig, Zugang zu Brunnen zu haben und um deren Standort zu wissen. Von Abraham wird öfters berichtet, dass er einen Brunnen gegraben hat, die Quelle gefasst und ein sichtbares Zeichen hinterlassen, dass es sein Besitz ist. Auch von seinen Nachkommen wird Ähnliches erzählt. Jakob, sein Enkel, hat in Samarien am Fuß des Berges Garizim bei Sichem, dem heutigen Nablus, einen Brunnen gegraben, bei dem er der Legende nach auch bestattet wurde. Dieser Brunnen ist später der Ort des Gespräches zwischen Jesus und einer unbekannten Frau aus Samaria über das Wasser, das Leben spendet.
Schreckliche Belohnung
Salome hat getanzt und damit ihren Stiefvater Herodes Antiopas in Verzückung versetzt. Jetzt darf sie sich eine Belohnung wünschen. Auf Anraten ihrer Mutter Herodias fordert sie das Haupt des Täufers und dieser Wunsch wird ihr erfüllt. Jetzt sehen wir sie, wie sie stolz den Kopf des Johannes ihrer Mutter überreicht. Herodias selbst ist sehr unnahbar und kalt dargestellt. In einer Vignette sehen wir ihr Gesicht im Profil, wie auf einer Münze. Sie ist Herrscherin durch und durch. Sie zeigt keine Regung, ihre Tochter hat die ihr aufgetragene Mission erfüllt.
Moses, der Retter
Mit geballter Faust und einem entschlossenen Gesicht sieht man Mose, wie er zum Befreier seines Volkes wird. Anfangs hat er an seiner Aufgabe gezweifelt, oft war er verzweifelt und nahe daran, aufzugeben. Doch seine Entschlossenheit hat er nie verloren und ist für sein Volk die Gestalt geworden, die Freiheit und Hoffnung verkörpert. Er hatte die entscheidende Offenbarung Gottes als »Ich bin da«. Er war es, der zusammen mit seinem Bruder vor den Pharao hingetreten ist und vergeblich um die Freiheit für sein Volk gebeten hat. Er war es, der den Zug der Israeliten aus Ägypten bei Nacht und Nebel angeführt hat. Er war es, der in der Wüste dem Volk Wasser gab. Er wagte es, in die Nähe Gottes zu gehen und die Gesetze in Empfang zu nehmen. Er musste mit der Enttäuschung leben, dass in seiner Abwesenheit das mühsam zusammen gestrickte Gebilde auseinander brach. Er handelte mit Gott einen neuen Vertrag aus und brachte das Gesetz zu seinem Volk. Er führte es letztlich an die Grenzen des Landes Kanaan.
Wie vergeben?
Man hört immer wieder, dass ein System, das darauf beruht, dass Schulden angehäuft werden, um irgendwann getilgt zu werden, nicht auf Dauer bestehen kann. Zu sehr wird dadurch ein Gefälle aufgebaut zwischen denen, die die Mittel haben, und denen, die sie brauchen. Denn wenn Schulden gemacht werden, kommt der Zins dazu, was die Spirale sich immer schneller drehen lässt. Die Schulden werden mehr und man kommt aus ihnen nicht mehr heraus. Mit Vermögen, Schulden und Zinsen funktioniert unser Wirtschaftssystem mehr schlecht als recht. Wenn es beim Geld schon so schwierig ist, wie ist es dann erst, wenn es um Verbrechen geht, bei denen Menschen Schuld auf sich geladen haben? Noch schwieriger wird es bei Verfehlungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Erlöse mich!
Wenn wir von Erlösen sprechen, dann verwenden wir einen durch und durch religiösen Begriff. Im ursprünglichen Wortsinn war damit der Loskauf von Sklaven gemeint, sie wurden aus den sie unterdrückenden Verhältnissen gelöst. Eine weitere Bedeutung liegt im Retten. Jemand wird aus Lebensgefahr erlöst, er wird auch hier von den ihn bedrohenden Gefahren gelöst, sie haben keine Macht mehr über ihn und er kann weiter leben. Diese ursprüngliche Bedeutung kennen wir nicht mehr, wir verwenden erlösen meist dann, wenn es um die Befreiung aus schuldhaften Zwängen geht, in die wir uns selbst hineingebracht haben. Aber auch das Negative, das uns umgibt und bedroht, das uns vom rechten Weg bringen will können wir nicht anders überwinden, als dass wir erlöst werden. Allen Wortbedeutungen eigen ist, dass der Betroffene nicht mehr handeln kann, er ist darauf angewiesen, dass jemand anderes für ihn eintritt, ihn rettet, ihn loskauft, ihn aus der Verstrickung befreit.
Allmächtiger Gott
Wenn man die Eigenschaften Gottes nennen soll, dann fällt einem zuerst die Allmacht ein. Das ist ein Attribut, das auch moderne Menschen einem göttlichen Wesen zuschreiben können. Da reicht es nicht zu sagen, Gott hätte die Macht, denn die ist begrenzt. Wenn wir Macht zusprechen, dann meist denen, die regieren, ob demokratisch, oligarchisch oder diktatorisch. Immer haben sie Macht und sie haben sie nicht auf Dauer. Vielleicht auf Lebenszeit, aber das ist ja auch nicht immer gegeben. Wenn Gott Macht hat, dann muss sie größer sein. Da bietet sich denn die Allmacht an.
Erlöse uns von dem Bösen
Kaum ein Satz drückt mehr menschliche Sehnsucht aus als der aus dem Vaterunser: »Erlöse uns von dem Bösen!« Es wird die Sehnsucht ausgedrückt, dass man von dem, was als Böses bezeichnet wird, nicht überwältigt wird, sondern davon befreit wird. Jetzt ist es aber so, dass wir das Böse an sich gar nicht so klar definieren können. Ist es eine Gestalt, wie der Teufel, die uns nachstellt und uns vernichten will? Ist es eine Macht, die der Macht Gottes gegenüber steht und wir uns entweder auf die eine oder andere Seite schlagen müssen? Oder sind wir gar der Kampfplatz, auf dem sich die ewige Schlacht zwischen gut und böse entscheidet? Es ist ein ganzes Bündel an Fragen, die in dieser Bitte des Vaterunsers angerissen werden. Es sind Fragen, auf die wir so schnell auch keine Antwort finden können.
Versuchung der Moderne
Schön, aber nicht tragend
Ein schlichtes Detail aus den Fenstern der Südseite in der Autobahnkirche. Wir sehen das obere Ende einer Säule, das Kapitell, das Köpfchen einer Säule. Meist zieht es die Blicke auf sich, zum einen, weil die Säule an sich den Blick nach oben wendet, zum anderen weil es genau aus diesem Grunde oft verziert ist. Die Spitze, der Kopf, das Ziel des Ganzen soll schön sein und den Blick belohnen. Die Funktion eines Kapitells ist nicht, dass es trägt, sondern dass es die Rundung einer Säule in die quadratische Deckplatte übersetzt. Die meisten Kapitelle sind schön und haben auch eine Botschaft, doch sie haben keine tragende Funktion. Die Säule würde auch ohne ein Kapitell funktionieren, auch der Übergang vom Kreis in das Viereck wäre verzichtbar. Der Stabilität eines Gebäudes täte das keinen Abbruch.
Mose mahnt
Der Mose-Fries an der Südseite der Autobahnkirche wird von zwei Darstellungen des Mose eingerahmt. Im Westen sehen wir im Dreieck an der Treppe Mose, der als Retter dargestellt wird, im Osten hält er mahnend seinen Zeigefinger nach oben. Dieser mahnende Moses ist derjenige, der sein Volk immer wieder auf den rechten Weg schicken muss. Er weiß um die Bedeutung des Auszuges aus Ägypten und warum das eigene Land so wichtig für dieses Volk ist. Er hält die Erzählung von der Befreiung aufrecht, er fordert immer wieder dazu auf, die errungene Freiheit zu verteidigen und sich auch den Pflichten zu stellen, die damit verbunden sind. Manchmal wird er dabei zornig und zertrümmert die erhaltenen Gesetzestafeln, manchmal redet er mit Engelszungen auf die Menschen ein, manchmal bleibt nur noch die eindringliches Bitte an Gott, die Herzen der Menschen für seine Botschaft zu öffnen oder sie zu schonen.
Tanz mit tödlicher Konsequenz
Der Tanz der Salome und der Tod des Täufers als Konsequenz hat in der christlichen Kultur immer wieder die Künstler angeregt, nach einer Umsetzung zu suchen. Wir finden sie im Markus- und Matthäus-Evangelium. Herodias wollte Johannes töten lassen, weil er sie und ihren zweiten Ehemann, Herodes Antipas kritisierte: »21 Dann kam für Herodias die günstige Gelegenheit. Herodes hatte Geburtstag und veranstaltete ein Festessen für seine hohen Regierungsbeamten, die Offiziere und die angesehensten Bürger von Galiläa. 22 Dabei trat die Tochter von Herodias als Tänzerin auf. Das gefiel Herodes und den Gästen so gut, dass der König zu dem Mädchen sagte: ›Wünsche dir, was du willst; du wirst es bekommen.‹ 23 Er schwor sogar: ›Ich gebe dir alles, was du willst, und wenn es mein halbes Königreich wäre!‹«
Liebevoll
So ganz passt diese Darstellung nicht in die Reihe der Bilder zur Zerstörung von Sodom und Gomorrha am Abraham-Tor. Ein Paar sitzt, engumschlungen und lässt sich durch das Geschehen drumherum nicht aus der Ruhe bringen. Bei allem Schrecken, der gerade passiert, ist die Liebe und die körperliche Nähe, die hier wie selbstverständlich dazugehört, wichtiger als alles andere. Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus im berühmten Hymnus über die Liebe: »13 Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe.« (1 Korinther 13,13 - Übersetzung Gute Nachricht) In der Geschichte finden sich immer wieder Beispiele, wie die Liebe und liebevolles Miteinander geholfen haben, schlimme Situationen, lebensbedrohliche und lebensvernichtende Katastrophen zu ertragen und zu überleben. Es verwundert also nicht, wenn Emil Wachter gerade diese Darstellung in die Reihe der Katastrophenbilder von Zerstörung durch die Zeiten hindurch einfügt.
Gott erleben
Wie erzählt man von einer Begegnung mit Gott? Wahrscheinlich lässt sich das, was man erlebt hat, gar nicht in Worte fassen. Wir kennen viele Beschreibungen davon. Oft ist vom Licht die Rede, es fällt das Wort der Erleuchtung, die man erfahren hat. In der Mystik wird von der Erfahrung des Eins-Seins gesprochen. In den meisten Fällen sind es auch keine großen, mächtigen Erscheinungen, wie bei einer Theophanie, in der sich Gott in aller Macht und Herrlichkeit zeigt. Es sind die kleinen alltäglichen Erfahrungen, die uns die Tür zur wirklichen Erfahrung Gottes öffnen.
Ein inniges Verhältnis
Im hohen Alter hat sich für Abraham noch ein lang gehegter Wunsch erfüllt. Endlich konnte er seinen Sohn Isaak, den er zusammen mit Sarah gezeugt hat, in die Arme schließen. Auf dieser Darstellung am Abraham-Tor sehen wir ihn, wie er seinen Jungen fest an sich drückt. Er herzt ihn, wie man so schön sagt, er drückt ihn an sein Herz, so wie es Eltern mit ihren Kindern tun. Das späte Glück ist für Abraham und für Sarah die Erfüllung ihrer Lebensträume. So verwundert es nicht, dass dieses Kind mit Liebe überhäuft wird. An der Autobahnkirche sehen wir noch andere Elternbilder, meist ähneln sie diesem. Aber es ist auch der Sohn, den Abraham bereit ist zu opfern, um zu beweisen, dass er zu Gott und dessen Verheißung steht. Diese innige Umarmung steht im krassen Gegensatz zur Verzweiflung des Abraham, die ihm scheinbar keine andere Wahl lässt.
Spiel mit mir!
Ganz versteckt am Abraham-Tor sehen wir einen nicht ganz vollständigen Mühleplan. Er befindet sich beim reichen Prasser, der in der Hölle schmort und dem Bettler Lazarus, der im Himmel in Abrahams Schoß die Seligkeit erlebt. Da stellt sich die Frage, ob es hier um ein Spiel geht, denn wenn es um das ewige Leben geht, dann ist es doch sehr ernst. Zumindest haben es viele Religionen, nicht zuletzt die christliche mit größter Ernsthaftigkeit verbunden. Man muss die ewige Seligkeit anstreben und mit aller Kraft das Ziel »Ewigkeit bei Gott« verfolgen, ansonsten bleibt nur ewige Verdammnis. Die beiden Gestalten des Lazarus und des Prassers führen die beiden Möglichkeiten vor Augen. Und wenn es nun doch ein Spiel ist? Wenn es darum geht, dass die Glücklichere, der Geschicktere gewinnt? Nein, so kann es nicht gehen, das wäre ja ungerecht, denn im Spiel geht es ja nicht um Gerechtigkeit, sondern eher um Glück, Schicksal oder Zufall. Daran kann man das ewige Leben doch nicht festmachen.
Ewiger Streit
Ziemlich versteckt und an einem Ort, an dem man es nicht erwartet, sehen wir beim Mose-Turm zwei streitende Menschen, die durch eine dicke Linie voneinander getrennt sind. Wir sehen sie auf dem Körper des Goldenen Kalbes, das unter dem Baldachin des Moses-Turmes steht. Diese beiden stehen für die Auseinandersetzung, die seit Jahrtausenden darum geführt wird, was wirklich wichtig ist und wie dem, was als göttlich anerkannt wird, die richtige Verehrung zuteil werden kann. Es ist ein erbitterter Streit, der hier ausgetragen wird, denn es geht um grundsätzliche Lebenseinstellungen, bei denen sich am Ende auch die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt.
Das hältst du nicht auf
Es ist kaum zu erkennen, weil der Beton in den letzten über vierzig Jahren etwas gelitten hat und die Algen und anderer Staub ihr Übriges dazu beigetragen haben. Man kann schemenhaft zwei Hände erkennen zwischen einstürzenden Steinblöcken und Feuerszungen. Es geht um die Zerstörung von Sodom und Gomorrha. Abraham hatte versucht, mit Gott zu handeln, ob er nicht Gerechte findet, damit das Urteil über diese Stadt nicht vollstreckt wird, doch es hilft alles nichts, die beiden Städte werden zerstört und sind zum Beispiel für Verkommenheit und Unzucht geworden. Die Laster haben keine Zukunft, diejenigen, die sie leben und mit ihnen leben, werden vernichtet. So einfach ist das!
Von Engeln gerettet
Im Ersten Testament gibt es viele Geschichten, in denen es richtig zur Sache geht. Die Zerstörung der beiden Städte Sodom und Gomorrha durch Gott ist ein Beispiel für diese gewalttätigen Geschichten, in denen Gott sehr rachsüchtig und kriegerisch gezeigt wird. Doch es geht weniger darum, die ausgeübte Gewalt zu beschreiben, sondern das Handeln Gottes zur Rettung derer, die auserwählt sind. Damit soll jetzt nicht ein überholtes Gottesbild gerechtfertigt werden, in diesen Geschichten ist Gott ausgesprochen grausam und unerbittlich. Einer der Auserwählten ist Lot. Er ist der Bruder von Abraham und wird mit seiner Familie aus der dem Untergang geweihten Stadt gerettet. Es sind zwei Engel, die ihn herausholen: »15 Als die Morgenröte kam, drängten die Engel Lot zur Eile: ›Schnell, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, sonst trifft die Strafe für diese Stadt euch mit!‹ 16 Während Lot noch überlegte, ergriffen sie ihn, seine Frau und seine Töchter bei der Hand, führten sie aus der Stadt hinaus und ließen sie erst draußen vor dem Tor wieder los. Denn der Herr wollte Lot und die Seinen retten.« (Genesis 19,15-16, Übersetzung Gute Nachricht)
Das Bauhaus hinterlässt Spuren
Kaum eine künstlerische Konzeption hat den Alltag im letzten Jahrhundert so geprägt wie das Bauhaus: Der Grundsatz, dass sich die Form der Funktion unterordnen muss, hat die Gestaltung vieler Alltagsgegenstände vereinfacht . Die Klarheit der Form, die dadurch entstand, hat sich selbstverständlich auch in der Architektur ausgewirkt. Selbst an der Gestalt der Autobahnkirche kann man das ablesen. Das Bauhaus steht für die Moderne schlechthin. Aber es gibt Schattenseiten. Die sehen wir im nördlichen Teil des Abraham-Tores. Dieser Flügel ist dem Treiben in Sodom und Gomorrha gewidmet und der Vernichtung der beiden Städte.
Führe uns nicht in Versuchung
Wenn wir das Vaterunser sprechen, dann sprechen wir ein Gebet, das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bei solchen Grundgebeten denkt man kaum mehr über den Inhalt nach, sie sind ganz selbstverständlich. Doch es gibt Augenblicke, in denen man sich bewusst wird, was ich gerade spreche und man denkt darüber nach. Man kommt ins Stocken und merkt, dass etwas nicht stimmt. Dieser Satz, den wir an der Innenseite der Südtür der Autobahnkirche aus dem Vaterunser sehen, gehört sicherlich dazu. »Führe uns nicht in Versuchung!« Im Gebet sprechen wir Gott an. In diesem Fall bitten wir Gott, dass wir nicht in Versuchung geführt werden und zwar von ihm. Da kann man schon fragen, ob Gott es ist, der in Versuchung führt. Wenn Gott dies täte, dann wäre es kein liebender, sondern vielmehr ein hinterhältiger Gott, dem nicht das Wohl der Menschen am Herzen liegt. Wenn er es nur täte, um die Menschen zu befreien und zu erlösen aus dem Ungemach, in das er sie vorher geführt hat, dann wäre das nichts anderes als ein Gott, der zynisch handelt.
wirkmächtig
Die Hände von Noah müssen eine besondere Kraft ausstrahlen. Er hatte laut Überlieferung aus dem Buch Genesis mit ihnen die Arche gebaut, die dem Leben eine Chance gab. Aber nicht nur dem Leben an sich, sondern den Tieren und vor allem der ganzen Menschheit. An der Ostseite des Noah-Turmes sehen wir aus den Händen Noahs Kraftströme austreten in dem Moment, als er die Türen schließt. Das ist der Moment, in dem er die Grenze zieht zwischen der Welt vor und der Welt nach der Sintflut. Mit diesen geschlossenen Türen wird alles anders. Emil Wachter zeigt das mit den Wellen, die aus seinen Fingern strömen.
Noah als Prophet
Wie aus einer Schießscharte blickt Noah aus der sicheren Arche und beobachtet die Welt. Es ist die Welt, die gerade zerstört wird oder schon zerstört ist. Er wusste es besser und versuchte, dem entgegen zu wirken. Er baute nach der Überlieferung im Buch Genesis die Arche und rettete sich, seine Familie und die Tiergattungen, die damals gelebt haben sollen. Noah gilt als einer der Erzväter, auf die sich das Menschengeschlecht begründet. Er war auch das, was man einen Propheten nennt. Propheten treten auf, weil sie von Gott legitimiert sind. Sie haben eine Botschaft empfangen, die sie mit Sinnen wahrgenommen haben, meisten wurden die Botschaften Gottes gehört oder geschaut. Von dem, was Propheten erfahren haben, sprachen sie zu den Menschen, meist eindringlich, weil ihre Botschaft meistens unbequem war und zu der alltäglichen Praxis im Widerspruch stand.
Wer kann die Welt retten?
Die Gestalt des Noah ist positiv besetzt. Er hat mit dem Bau der Arche einen wichtigen Anteil daran, dass das Leben weitergeht und dass es gut weitergeht. Aber diese Zeit ist vorbei, die Bedrohungen sind geblieben oder kommen immer wieder. Wo sind diese Menschen, die zur Rettung der Welt schreiten und die neues Leben ermöglichen? Wem können wir trauen, dass es weitergeht? Wer sorgt für einen Neuanfang? Uns fallen die PolitikerInnen ein, die mit Programmen versuchen einen bestimmten Teil zu schützen. Aber selten haben sie das Ganze im Blick. Da gibt es die ExpertInnen, die WissenschaftlerInnen, die in ihrem Fachbereich kluge Vorschläge unterbreiten, die aber in anderen Lebensfeldern fatale Auswirkungen haben. Und es gibt die PhilosophInnen, damit meine ich alle GeisteswissenschaftlerInnen, die große Linien vorzeichnen, denen es aber nicht gelingt, die kleinen praktischen Fragen des Alltags zu lösen.
Katzen werden auch gerettet
Katzenbilder erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie rühren an unsere Gefühle und sprechen eine Seite bei uns an, die auch spirituelle Tiefe erlangt. Spielende Katzen, solche, die sich in der Sonne räkeln, Katzen die es sich an ihrem Lieblingsplatz bequem gemacht haben und nicht zuletzt die Katzen, die sich verschmust an ihre menschlichen Futterspender kuscheln. Immer wieder sehen wir Tiere, die in einem besonderen Verhältnis zum Menschen stehen. So auch am Noah-Turm an der Nordseite, die hauptsächlich den Geretteten und dem Neuanfang gewidmet ist. Die Katzen stehen für die Normalität, für den Alltag, der jetzt wieder Raum gewinnt. Katzen gehören zu den Tieren, die wir mit normalem Leben verbinden.
Das Leben liegt vor dir
An der Mose-Treppe in der Autobahnkirche sehen wir einen jungen Mann, der nach vorne blickt. Es ist Mose, der noch keinen Aufseher erschlagen hat, der noch keine Gottesoffenbarung hatte, der sein Volk noch nicht durch die Wüste in das gelobte Land geführt hat und der sich noch unklar darüber ist, worin seine Lebensaufgabe besteht. Doch er scheint zu wissen, was er will. Dieser junge Mann steht für alle jungen Menschen, die am Ende der Jugend den großen Schritt ins Leben tun. Moseweiß natürlich noch nicht, was ihm bevorsteht, er geht noch leichten Schritts in die Zukunft. Er ist unbekümmert und davon überzeugt, dass das, was er will, sich auch umsetzen lässt. Das ist das Vorrecht der Jugend zu allen Zeiten, dass sie unbekümmert und unbeirrt ihren Weg gehen dürfen und können.
Friedenssonne
Im zweiten Fenster, das die Versuchungen Jesu darstellt, sehen wir über dem Jerusalemer Tempel, von dessen Mauer sich Jesus hinabstürzen soll, eine kleine Sonne. Sie strahlt über dem Ort, an dem Gott Wohnsitz genommen hat, in der die Menschen Gott finden können, wenn sie sich auf den Weg machen, Gott zu suchen. Aus heutiger Sicht wird Religion meist mit Frieden in Verbindung gebracht, der Zusammenhang zwischen Religion und Krieg, zwischen Glauben und Gewalt ist zwar immer noch gegeben, es ist aber - zumindest in unseren Breiten - immer weniger vorstellbar, religiöse Interessen mit Gewalt und kriegerischen Mitteln durchzusetzen. Deshalb kann über dem Ort, den wir als Wohnstatt Gottes bezeichnen auch eine Sonne scheinen, die den Frieden verheißt. So weit die Theorie, die Praxis sieht ganz anders aus!






























































