Als die Hirten in der Weihnachtsnacht auf den Feldern bei ihren Schafen sind, sehen sie plötzlich, wie der Himmel auf die Erde herabkommt. Mitten unter ihnen stehen Engel, die ihnen die Geburt des Erlösers verkünden. Diese Szene hat KünstlerInnen immer wieder herausgefordert. Wie stellt man es dar, wenn der Himmel offen ist und die ganze himmlische Herrlichkeit auf der Erde sichtbar ist? Am einfachsten ist die figürliche Darstellung von Engeln. Aber wie sehen Engel aus? Haben sie Flügel, mit denen sie die unüberwindliche Distanz zwischen Himmel und Erde überbrücken?
Bilderweltarchiv 2022
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
Gesund und heil
Es ist eine Sehnsucht aller Menschen, möglichst gesund zu sein und vor Schaden bewahrt zu bleiben. Sie investieren viel Energie und Geld in diese Sehnsucht. Neben gesunder Ernährung, Sport, verschiedenen Hilfsmitteln und Medikamenten verspricht man sich von religiösen Praktiken viel, um dieses Ziel zu erreichen. In dieser Haltung steckt auch eine tiefe Sehnsucht nach Heil-Sein. Vielleicht besteht darin eine der größten Versuchungen der Menschheit. In den Fenstern der Ostseite der Autobahnkirche sehen wir die drei Versuchungen Jesu. In der zweiten wird Jesus vom Teufel auf die Mauer des Tempels gestellt. Er solle sich doch hinabstürzen, denn die Engel werden ihn auffangen, so steht es in der Heiligen Schrift. Jesus antwortet darauf, dass man Gott nicht auf die Probe stellen soll. Diese kleine Geschichte zeigt, wie wir mit der Sehnsucht nach Gesundheit umgehen können.
Glauben und Wissen
Manchmal stößt man bei den vielen Bildern der Autobahnkirche auf solche, die man sich auf den ersten Blick nicht erklären kann. Ratlos steht man davor und braucht eine Weile, bis sie sich erschließen und man eine Spur findet, wie sie gedeutet werden können. So ist es auch mit dem Doppelgesicht an der Haupttreppe, das man sieht, wenn man die Kirche verlässt. Die beiden Gesichtshälften blicke in entgegengesetzte Richtungen, als wäre nur jeweils eine Sichtweise möglich. Entweder - oder. Das linke Gesicht blickt nach unten auf die Erde und es trägt eine Brille, das sichere Zeichen, dass wir es hier mit einem Gelehrten zu tun haben. Er schaut auf das Irdische, er erklärt sich die Welt, so wie sie erscheint. Die Brille ist gewissermaßen das Vergrößerungsglas, mit dem er allem auf den Grund geht. Dieses Gesicht beschreibt die eine Seite unseres Wesens, die neugierig auf die Welt schaut und nach Wissen strebt.
Ungleiche Brüder
In der Bibel finden sich immer wieder Geschichten von Brüderpaaren. Diese sind sich meist nicht grün und stehen in großer Konkurrenz zueinander. Einer will den anderen überflügeln. Es geht dann darum, die Anerkennung des Vaters zu bekommen oder die Gunst Gottes zu erfahren. Nicht nur in der Bibel finden sich solche Geschichten, in der Weltliteratur taucht dieses Thema immer wieder auf. Ein Brüderpaar aus dem Ersten Testament sticht heraus, denn bei ihnen geht es vordergründig nicht um Konkurrenz. Wir finden eine Darstellung der beiden an der Südtreppe der Autobahnkirche. Emil Wachter stellt dort Mose und Aaron, die sich zwar gegenüber stehen, sich aber auch ergänzen. Mose erhält den Auftrag sein Volk in die Freiheit zu führen, er weiß um seine Schwächen, dass er kein großer Redner ist und immer wieder zur Unbeherrschtheit neigt. Aaron ist der wortgewandte der beiden und der Feingeist der beiden, aber eher zurückhaltend.
Der Thron ohne Namen
Ein Thron gehört zum Selbstverständnis eines Herrschers und einer Herrscherin. Er ist eines der Zeichen, das die Kontinuität der Herrschaft darstellt. Auf dem Thron haben schon andere vor ihm oder ihr Platz genommen, oft auch aus anderen Dynastien. Der Thron wird auch den Nachfolgerinnen und Nachfolgern dienen. Throne werden für Königinnen und für Könige aufgerichtet, auf ihnen sollen Göttinnen und Götter Platz nehmen und sie dienen auch religiösen Oberhäuptern als Zeichen ihrer Macht und Herrschaft. Nicht selten haben diese Throne einen besonderen Namen, der oft einen Bezug zum besonderen dieser Herrschaft hat. Einige der bekanntesten Throne sind der Pfauenthron der persischen Herrschergeschlechtes oder der Chrysantementhron des japanischen Tenno.
Verlorene Perspektiven
Schwarzweiß und in einer Brutalität, die ihresgleichen sucht, stellt Emil Wachter in der Fensterreihe im Norden der Autobahnkirche den Kindsmord von Betlehem dar, wie ihn Matthäus beschreibt: »Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Betlehem und Umgebung alle kleinen Jungen zu töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte.« Matthäus 2,16, Übersetzung Gute Nachricht). Diese Darstellung birgt einige Betrachtungsmöglichkeiten. Da ist zum einen Herodes, der diesen unmenschlichen Befehl gegeben hat. Wieviel Angst, wieviel Hass ist notwendig, damit er diese Gewalttat befehlen kann? Da sind die Soldaten, die diesen Befehl aufs Grausamste ausführen. Was treibt sie zu dieser unmenschlichen Gewalt an?
Aufs Wesentliche reduziert
Was ist der Kern der frohen Botschaft? Diese Frage kommt mir in den Sinn, wenn ich Darstellung am Altar in der Autobahnkirche sehe. Zwei Unterarme mit Händen, betend oder segnend ausgebreitet, und ein freundliches, zugewandtes Gesicht. Die Botschaft, die so verkündet wird, könnte lauten: »Gott sieht dich freundlich an, du bist willkommen, du bist gesegnet.« Das ist das Wesentliche der christlichen Botschaft. Man kann es auch etwas weiter fassen, wenn man diese einladende Haltung ernst nimmt: »Hab keine Angst. Ich bin bei Dir!« Das ist auch die Botschaft, die jede Religion vertritt, die den Menschen Hilfe an die Hand gibt, das Leben zu bestehen. Das ist das Tröstliche, ja das ist wirklich frohe (und befreiende) Botschaft, die nicht nur das Christentum verkündet.
Wie wirklich ist Gott?
Ein Thron ist ein wichtiges Zeichen für Herrschende. Wer darauf Platz genommen hat, kann einen Herrschaftsanspruch erheben und von den Untertanen Gefolgschaft verlangen. Zeiten, in denen Throne unbesetzt waren, galten oft als schwierig, weil darum gestritten und Kriege geführt wurden. Meist war das dann der Fall, wenn kein Nachfolger bekannt war, weil das Herrschergeschlecht, das den Thron weitervererbt hatte, ausgestorben war. Wer auf dem Thron saß, konnte herrschen, er oder sie hatte die Macht, zu wirken. Und wenn der Thron leer ist, ist auch die Macht unwirklich, sie wirkt nicht mehr. Wenn der Thron Gottes in der Autobahnkirche im Nordfenster leer ist, dann kann man daraus schlussfolgern, dass auch Gott unwirklich ist, dass Gott die Wirksamkeit verloren hat.
Klagende Rahel
Es gibt Darstellungen in der Autobahnkirche, die verstören und lassen das Herz bluten. Dazu gehört auf jeden Fall die trauernde, weinende, vor Schmerz schreiende Rahel an der Westwand der Krypta. Als Herodes nach der Darstellung im Matthäus-Evangelium alle kleinen Knaben töten lässt, um den verheißenen Messias zu vermeiden, stürzt er viele Familien und ihre Mütter ins Unglück: »Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Betlehem und Umgebung alle kleinen Jungen zu töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte. So sollte in Erfüllung gehen, was Gott durch den Propheten Jeremia angekündigt hatte: ›In Rama hört man Klagerufe und bitteres Weinen: Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen; denn sie sind nicht mehr da.‹« (Matthäus 2,16-18, Übersetzung Gute Nachricht)
Die dunkle Seite der Macht
Wie soll man mit der Macht, die Menschen in Händen haben, umgehen? Gibt es eine für alle verbindliche Maßgabe? Das ist schwierig und die meisten Geschichten, die erzählt werden, drehen sich nach der Liebe um das Thema Macht und Missbrauch der Macht. In Romanen und Filmen, in Opern und Theaterstücken ist die Frage, wie die Macht von einer hellen zu einer dunklen Seite kippt, ein wichtiges Gestaltungselement, das uns interessiert und fesselt. Macht fasziniert, weil man, wenn man sie hat, gestalten kann. Macht hilft dabei, kreativ und schöpferisch tätig zu sein. So verstanden bringt sie die Menschen weiter und eröffnet allen diese Möglichkeiten. Wenn sie aber dazu eingesetzt wird, die eigenen Interessen bedingungslos durchzusetzen, dann stellt sie sich mehr und mehr auf die dunkle Seite.
Gott genießt Gastfreundschaft
Im Buch Genesis wird auf fast schon lustige Weise beschrieben, wie Abraham von Gott Besuch erhält und wie Abraham zur Gastfreundschaft einlädt: »Abraham wohnte bei den Eichen von Mamre. Dort erschien ihm der Herr. Abraham saß gerade in der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes. Als er aufblickte, sah er wenige Schritte vor sich drei Männer stehen. Sofort sprang er auf, warf sich vor ihnen nieder und sagte: ›Mein Herr, wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, dann geh nicht hier vorüber. Ich stehe dir zu Diensten! Man wird euch sogleich Wasser bringen. Ihr könnt euch die Füße waschen und es euch unter dem Baum bequem machen. Ich will inzwischen eine kleine Erfrischung holen, damit ihr euch stärken und dann euren Weg fortsetzen könnt. Wozu sonst seid ihr bei eurem Diener vorbeigekommen?‹ ›Es ist gut‹, sagten die Männer. ›Tu, was du vorhast!‹«
Heilige Maria, Mutter Jesu
Es gibt in der Autobahnkirche wenige Darstellungen von Maria, die Emil Wachter gestaltet hat. Alle befinden sich in der Krypta. Eine davon kann man als die klassische Abbildung ansehen. Wir sehen Maria, die ihr Kind im Arm hält. Hier ist sie ganz einfach eine Mutter, nicht mehr und nicht weniger. Es fällt uns schwer, nur das in ihr zu sehen. Was wurde ihr nicht alles im Verlauf der 2000 Jahre christlicher Verkündigung zugeschrieben. Dass sie eine einfache Frau aus Nazareth war, ist nur eine Facette. Sie wird als Miterlöserin bezeichnet. Sie ist Mutter Gottes und Retterin, sie überbringt Botschaften, sie wird in Kirchen verehrt, sie gilt in vielen Kirchen als Kirchenpatronin. Viele Länder haben sie zu ihrer Patronin erwählt. In der Dichtung, Malerei und Musik gilt sie als der Inbegriff der weiblichen Schönheit. Sie ist die reine Jungfrau, die dies nicht nur vor, sondern auch während und nach der Geburt Jesu geblieben ist. Und sie ist, als einziger Mensch die »unbefleckt Empfangene«, will sagen, dass ihr die Erbschuld, die allen Menschen anhängen soll, nicht zuteil wurde. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
Gott ruht sich aus
Gottes Thron ist leer. So sieht man ihn in der Fensterfront an der Nordseite der Autobahnkirche. Ob und warum er leer ist, dazu können wir ausgiebig spekulieren. Auf jeden Fall ist dieser Thron ein Zeichen für die Gegenwart Gottes und ein ganz besonderes dazu. Normalerweise ist ein Stuhl oder Sessel ein Ort, an dem man es sich gemütlich macht, ein Thron ist das weniger. Aber nehmen wir doch mal an, Gott braucht solch einen Stuhl, um sich auszuruhen. Gott hat das nötig, so wird es nämlich für den siebten Schöpfungstag berichtet: »Am siebten Tag hatte Gott sein Werk vollendet und ruhte von aller seiner Arbeit aus. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn zu einem heiligen Tag, der ihm gehört, denn an diesem Tag ruhte Gott, nachdem er sein Schöpfungswerk vollbracht hatte.« (Genesis 2,2-3, Übersetzung Gute Nachricht).
Keine Schafe, nur ein Reh
Bei der Krippendarstellung in der Krypta der Autobahnkirche stellt sich eine Frage, die man bei einer Weihnachtskrippe nie hört: »Was sucht ein Reh an der Krippe?« Vielmehr hätte man doch Schafe erwartet oder bestenfalls Ziegen, wie sie von Hirten im Umfeld von Betlehem zur Geburt Jesu gehütet wurden. Ein Reh ist kein Tier, das in Herden gehalten wird, sondern in freier Wildbahn lebt. Ein Reh braucht keine Hirten, die es hüten und vor wilden Tieren beschützen. Es ist kein Haustier, auch kein Nutztier, das vom Menschen in sein direktes Umfeld hineingenommen wird und zur Versorgung der Grundbedürfnisse benötigt wird. Dieses Reh weist in neuer und besonderer Weise darauf hin, was an Weihnachten geschehen ist.
Wilde Orgien
Feiern ist ein wichtiger Teil aller menschlichen Gesellschaften. Wir brauchen die Gestaltung von Festen und Lebenswenden, Ereignissen und Gedenktagen, um uns ins Bewusstsein zu rufen, dass wir in größere Bezüge eingebunden sind. Diese Feiern geben unserem Leben eine Richtung, schaffen Sinn und stellen die Verbindung zum großen Ganzen her. Sie sind auch Ausdruck unserer Kultur. Mit der Tradition, auf die wir uns berufen, verbinden wir uns mit den Menschen, die das gleiche schon lange vor uns getan haben. Wir legen Wert darauf, diese Traditionen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Ja, es ist wichtig, dass wir miteinander feiern und so für uns und unsere Gemeinschaft eine Kraftquelle für das Zusammenleben erschließen.
Über allem das Kreuz
Wenn auf dem Turm oder wie bei der Autobahnkirche auf dem Dach ein Kreuz steht, dann wissen wir, dass es sich bei diesem Gebäude wohl um eine Kirche handelt. Das Kreuz stellt dann den höchsten Punkt des Bauwerkes dar und zeigt, was wichtig ist. Es ist ein Erkennungszeichen für die Religion und gleichzeitig auch ein Glaubensbekenntnis. Nicht nur beim Segen wird es mit der Glaubensformel »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« begleitet, sondern es schwingt mit, wann immer wir es sehen. Es ist das Bekenntnis zu Gott, nach christlichem Verständnis in drei Personen, drei Wesenheiten oder Erscheinungsweisen erfahrbar. Wenn das Kreuz gezeigt wird, bekennen wir, dass wir Gott in unserer Gegenwart erleben können. Doch dieses Bekenntnis zum dreifaltigen Gott ist nicht das zentrale Glaubensgut.
Engel der Stille
Nicht immer werden Engel so dargestellt wie Menschen. Wir reden von ihnen, aber wir wissen nicht, wie sie aussehen. Wir haben bestimmte Vorstellungen, an denen wir sie erkennen. Ganz gleich wie groß oder ernsthaft, wie niedlich oder klein, die Flügel sind ihnen meistens eigen und daran erkennen wir sie. Emil Wachter beschränkt sich oft darauf, die Flügel zu zeigen, wenn er von Engen erzählen will. In der Südostecke in der Krypta der Autobahnkirche entdecken wir die Flügel eines Engels, den ich Engel der Stille nennen will. Er steht im Dunkeln, ist etwas verborgen, er springt nicht sofort ins Auge, aber er ist da.
Gehimmelter Mensch
Wann sprechen wir vom Himmel? Meistens verschieben wir ihn auf die Zeit nach unserem Leben. Wir verlegen dann alles, was uns hier nicht gelingt in den Himmel. Dort gehen alle die Dinge in Erfüllung, die un s hier auf Erden verwehrt sind. Dieser Himmel hat viel vom Schlaraffenland an sich. Doch es geht auch anders, wir müssen uns nicht auf das ewige Leben vertrösten, um eine Vorstellung vom Himmel zu haben, sondern um die Erfahrung zu machen, im Himmel zu sein. In der Autobahnkirche, bei der rechten Treppe zur Krypta sehen wir eine Darstellung eines Menschen, der schon jetzt im Himmel ist. Nicht nur, weil seine Darstellung sich in einer Kirche befindet, einer der Orte, in der unserer Tradition nach ein Stück vom Himmel verwirklicht ist. Wir sehen einen Menschen, dem es aufgrund seiner Barttracht gut geht, er findet Zeit für intensive Körperpflege. Er ist von einer besonderen Sonne beschienen, deren Mitte ein Edelstein ist. So gesehen lebt er äußerlich im Himmel, es geht ihm gut. Wir verbinden das mit Himmel und ewigem Leben. Es wird uns gut gehen und wir werden uns keine Sorgen machen müssen.
Lebenslust und Lebensfreude
Die Gesichter, von denen wir sehr viele an der Autobahnkirche entdecken können, haben einen vielfältigen Ausdruck. An der Mosetreppe zur Krypta hinunter sehen wir einen freundlichen Menschen, der uns, wie es scheint pfeifend entgegen blickt. Der Ton kommt aus seinem Mund und hallt in der ganzen Kirche wider. Normalerweise würden wir das als störend empfinden, wenn man es richtig hören würde. Aber warum? Wenn Pfeifen ein Ausdruck der Lebensfreude ist, dann ist doch auch eine Kirche der rechte Ort, an dem man es hören darf. Aber wir verbinden mit Kirchenräumen oft Besinnlichkeit und vor allem Ernsthaftigkeit. Nichts soll die andächtige Atmosphäre der anderen Welt, in die wir eintauchen wollen, stören.
Heilige Geistkraft kommt zu dir
Die Szene der Verkündigung an Maria, die wir in der Krypta der Autobahnkirche sehen, ist sehr dynamisch dargestellt. Der Engel kommt auf Maria zu, er streckt ihr die geöffneten Hände entgegen und ist selbst noch in der Bewegung auf sie zu. Es ist eine sehr intime Begegnung, die beiden sind für sich allein und geben sich der Erfahrung voll und ganz hin. Während der Engel voller Bewegung ist, steht Maria ruhig da, sie ist nicht statisch, sie scheint nur kurz in ihrer Bewegung verharrt. Es ist hier der Moment der Empfängnis gezeigt, in der beides, Ruhe und Bewegung, einen Platz hat.
Ins rechte Licht gestellt
Für eine Verkündigungsszene fällt diese Darstellung in der Krypta der Autobahnkirche ziemlich aus dem Rahmen. Maria kniet nicht, um die Botschaft des Engels zu empfangen. Sie sitzt auch nicht, ins Gebet versunken, auf ihrem Stuhl. Sie steht selbstbewusst da und hört, was der Engel Gabriel ihr zu sagen hat. Das ist ein modernes Bild von Maria. Sie ist die junge Frau, die weiß, was sie will, die nicht demütig empfängt, sondern die kreativ am Plan Gottes mitwirkt. So muss man auch ihre Antwort verstehen, die der Evangelist Lukas überliefert: »Ich gehöre dem Herrn, ich bin bereit. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.« (Lk 1,38, Übersetzung Gute Nachricht).
Notwendender Josef
Auch wenn er in unseren Kirchen große Verehrung genießt, führt der Heilige Josef ein Schattendasein. Man findet ihn als Statue, manchmal auch mit einem eigenen Altar in den Kirchen. Im Zweiten Testament wird von ihm nur am Anfang des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums berichtet. Aber dort in entscheidender, ja notwendender Funktion. Er ist es, der Maria trotz ihrer unerwarteten Schwangerschaft zu sich nimmt und zu ihr steht. Er macht sich auf den Weg in seine Vaterstadt Bethlehem, er erhält im Traum wichtige Botschaften, die die Heilsgeschichte »am Laufen halten«. Er wird gebraucht! So ist es nur richtig, ihm auch in der Autobahnkirche eine Abbildung jenseits der Krippendarstellungen zu widmen. An der Christophorus-Stelle taucht er auf als eines der vielen Gesichter, wie wir sie des öfteren finden. An der Stele ist der richtige Ort für ihn.
Kommt ein Vogel geflogen
Ein Vogel bringt einen kleinen Blumengruß. So sieht man es auf der Christophorus-Stele in der Autobahnkirche. Zunächst einmal ein Bild mit viel Humor. Doch welche Bedeutung könnte dieser Blumengruß haben? Christophorus ist der Schutzpatron der Reisenden. Der Legende nach trug er Christus über einen reißenden Fluss auf seinen Schultern und fand so die Aufgabe seines Lebens. Das, was er im Großen tut, tut dieser Vogel im Kleinen. Er überbringt eine Blume dorthin, wo sie hin soll. Christophorus meinte, unter der Last, die ihm zunehmend schwerer wurde, zusammenzubrechen. Der Vogel stellt das Gegenteil dar. Die Blume ist leicht, sie kann einfach überbracht werden.
Gelehrtenstreit
Da stecken sie ihre Köpfe zusammen und beratschlagen, was wohl die beste Lösung sein könnte. Drei Männer mit Brillen, die ihre Augen verstecken bzw. blind scheinen. So werden in der Bildersprache in der Autobahnkirche die Gelehrten dargestellt. Die Brille ist das Zeichen des Intellektuellen, der seine Augen damit verdorben hat, dass er bei schlechtem Licht in Büchern gelesen hat. Wie gesagt, die Augen sieht man nicht und damit wird schon eine wichtige Aussage über diese Gelehrten gemacht: bei all ihrem Wissen und bei allem, was sie sagen, ist der Weg zu ihrem Herzen verstellt. Das, was sie zu Menschen macht, ist nicht mehr sichtbar. Sie streiten sich kollegial und tauschen ihre Ansichten aus.
Weg mit dem!
Man muss schon sehr genau hinschauen, um das dunkelgrüne Auto im südlichen Fenster der Autobahnkirche zu entdecken. Die Scheinwerfer leuchten in die Dunkelheit, aber das andere sieht man fast nicht. Es ist das Fahrzeug der Gestapo, der Staatssicherheit, des Geheimdienstes oder anderer Organisationen, die das helle Tageslicht scheuen. Ihnen fallen Menschen zum Opfer fallen. Sie werden heimlich abtransportiert. Und auf diese Heimlichkeit wird größter Wert gelegt. Es könnte ja Reaktionen der Solidarität provozieren, vor allem werden Fragen gestellt, die schwer zu beantworten sind. Und je heimlicher, umso mehr Angst wird geschürt.
Alles hat seine Ordnung
Wenn wir nach einem Bild suchen, das die Ordnung der Welt symbolisieren kann, dann fällt einem sehr schnell die Säule ein, die trägt und hält. Aus massivem Stein geschlagen kann sie ein schweres Gewölbe tragen und gibt so im umgebenden Raum Halt und Sicherheit. Die klare Form strahlt diese Ordnung aus. Sie richtet den Blick nach oben zum Dach und nach unten zu ihrem Fundament. Die Ordnung ist geschaffen. Normalerweise sind es Menschen, die dafür sorgen und entsprechende Vorrichtungen bauen. In diesem Fall in der Westfront der Fenster der Autobahnkirche ist die Ordnung ein Werk Gottes, denn es sind die Säulen des Himmels dargestellt, die sich erheben und Sicherheit schaffen.
Grandios erbärmlich
Das Doppelgesicht auf der linken Seite der Haupttreppe, das man sieht, wenn man die Kirche verlässt, provoziert zu ungewöhnlichen Gedanken. Wir sehen hier möglicherweise zwei Seiten des Menschen, eine, die nach unten blickt und alles erschließt, was ist, die andere die nach oben ausgerichtet ist, aber ohne Hilfe von oben nicht bestehen kann. Im Gedicht »Grenzen der Menschheit« benennt Johann Wolfgang Goethe diese zwei Seiten des Menschen: »Hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne, nirgends haften dann die unsichern Sohlen, und mit ihm spielen Wolken und Winde. Steht er mit festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten dauernden Erde, reicht er nicht auf, nur mit der Eiche oder der Rebe sich zu vergleichen.« Was Goethe hier beschreibt ist die erbärmliche Seite des Menschen. Ganz gleich wohin er sich orientiert, nach oben oder nach unten, er wird scheitern und an den großen Ansprüchen zerbrechen.
Wenn der Mond brennt
Der Zyklus mit den Fenstern aus der Apokalypse weist auf eine neue Welt hin und ist eine Vision für die Zukunft. Sie gipfelt im Fenster an der Westseite mit dem Lamm im Mittelpunkt. Unten rechts dieser beeindruckenden Vision sieht man einen kleinen zunehmenden Mond, der in Flammen steht. Warum brennt der Mond und warum brennt er blau? Die Farbe Blau taucht in der Autobahnkirche immer dann auf, wenn das Irdische betont wird. Der Mond brennt im irdischen Feuer, es ist ein kaltes, unwirkliches Feuer. Erst weiter rechts sehen wir rote Flammen, die für das menschliche Leben stehen. Der Mond in Flammen hat nichts Romantisches an sich, es ist ein Zeichen der Krise, er steht für die Zerstörung der Natur und des ganzen Kosmos.
Unverdaulicher Gott
Manchmal wird uns auch in spiritueller Hinsicht einiges zugemutet. Wir reiben uns an biblischen Aussagen, weil sie nicht oder nicht mehr unserer Überzeugung entsprechen. Wir wehren uns gegen Vereinnahmungen in Schriften und Gottesdiensten. Wir möchten gerne unsere Unabhängigkeit behalten und lehnen dann Botschaften ab, die uns auf einen scheinbar falschen Weg bringen. Das ist richtig und entspricht unserer Vorstellung von mündigen Christen und einem eigenverantwortlich gestalteten Glauben. Wir lassen uns nicht mehr alles vorsetzen und prüfen sehr genau, ob etwas zu uns passt oder nicht.
Geordnetes Chaos
Auf den ersten Blick erscheint das Bild in der Mitte der westlichen Fensterfron in der Autobahnkirche sehr einheitlich. Das Bild vom Lamm strahlt Ruhe und Ordnung aus, man ist auf diese Mitte fokussiert. Bei genauerem Hinsehen merkt man aber, dass sich die rechte und die linke Seite unterscheiden. Während die Struktur rechts sehr geordnet erscheint, ist die linke Seite sehr viel chaotischer. Man erkennt noch einzelne Formen und Strukturen, zu denen sich die Mosaiksteine der Fenster ordnen, aber es scheint, als ob diese Seite noch im Fluss ist, nach einer Ordnung sucht.
Fake News
Informationen und Nachrichten gehören zu den wichtigsten Gütern unserer Zeit. Mit Nachrichten wird gehandelt, wie mit festen Waren. Da ist es von entscheidender Bedeutung, dass diese Nachrichten auch wahr sind und ihre Botschaft stimmt. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Durch unterschiedliche Bewertungen und Deutungen, durch manipulierte Fakten und fehlende Recherche wird der Wahrheitsgehalt vieler Nachrichten in Frage gestellt. Sie werden als Fake News bezeichnet. Dieser Begriff wird dann je nach Lager einander gegenseitig vorgeworfen. Jeder spricht der anderen Seite die Wahrheit ab! Welcher Nachricht kann ich noch glauben, welcher Botschaft vertrauen?
Sieben Schalen des Zorns
In den Fenstern der Westseite der Autobahnkirche sehen wir unter den Gesichtern der Engel aus der Apokalypse die sieben Schalen des Zorns, die sie über die Erde ausgießen. Sie stehen für sieben Plagen, die entsprechend der zehn Plagen, die über Ägypten kamen, jetzt über die Menschheit ausgegossen werden. Diese neuen Plagen sind nach der Offenbarung des Johannes: schlimme Geschwüre für diejenigen, die mit dem Zeichen des Tieres versehen wurden, alles Meerwasser wird zu Blut und zieht den Tod alles Lebens im Meer nach sich, Flüsse und Quellen werden zu Blut, die Sonne versengt die Menschen mit großer Hitze, Finsternis herrscht über dem Reich des Tieres, der Euphrat trocknet aus und schließlich werden alle Inseln und Berge durch das größte Erdbeben seit Menschengedenken vernichtet und zentnerschwere Hagelkörner zerstören das Leben auf der Erde.
Weltanschauung
Wie schauen wir eigentlich auf unsere Welt? Diese Frage scheint überflüssig, weil wir unsere Weltsicht ganz selbstverständlich haben und sie normalerweise auch nicht in Frage stellen. Jeder Mensch hat sein Weltbild, das tiefer reicht als das, was wir als Weltanschauung beschreiben. Heute sind wir in unserem Weltbild einig, dass die Erde keine Scheibe mehr ist und dass sie - aber da scheiden sich schon die Geister - im Verlauf von 16 Milliarden Jahre aus dem Urknall heraus entstanden ist. Mit dem Weltbild sind auch Fragen verbunden, die sich mit unserem Menschsein und letztlich auch mit dem Sinn des Ganzen befassen.
Die Hölle verdient?
Ein reicher Mann kommt nach seinem Tod in die Hölle, ein armer, der vor dessen Tür lag, findet sich in Abrahams Schoß im Himmel wieder. So erzählt es Jesus in einem Gleichnis im Lukas-Evangelium (Lukas 16,19-31) Vom Reichen schreibt Lukas: »In der Totenwelt litt er große Qualen. Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham, und Lazarus auf dem Platz neben ihm. Da rief er laut: ›Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir! Schick mir doch Lazarus! Er soll seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und meine Zunge ein wenig kühlen, denn das Feuer hier brennt entsetzlich.‹ Aber Abraham sagte: ›Mein Sohn, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten das dir zugemessene Glück erhalten hast, Lazarus aber nur Unglück. Dafür kann er sich nun hier freuen, während du Qualen leidest.‹« (Lukas 16,23-25)
Himmlische Freuden
Wenn es den Himmel gibt, wie sieht es da aus? Wir können uns keine Vorstellung davon machen, das einzige, was wir tun können, ist, dass wir unsere erlebten Glückszustände in die Ewigkeit hinein verlängern. Doch wir kommen da an Grenzen. Die biblischen Geschichten helfen auch nicht weiter, weil sie lediglich Geschichten sind, die von uns verlangen, dass wir uns positionieren und eine Entscheidung treffen. Jesus bezieht sich in seinen Gleichnissen immer wieder auf den Himmel, aber auch er gibt keine Beschreibung von dem, was und wie es dort sein wird. Im Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser (Lukas 16,19-31) erhält Lazarus als Belohnung für seine Leiden hier auf Erden den Himmel geschenkt, der Prasser landet in der Hölle, weil er schon genug des Guten genossen hat.
Die Hand des Engels
Wer wäre nicht gerne von einem Engel angerührt? Wer ließe sich nicht gerne von einem Engel an die Hand nehmen, damit er gut und sicher durchs Leben geleitet wird? Wir kennen den Schutzengel, zu dem Kinder früher gebetet haben, damit sie beschützt werden. Diese leitende, führende und schützende Figur ist ein großartiges Bild dafür, wie wir uns ein gutes und sicheres Leben vorstellen. An der Ostseite der Fenster in der Autobahnkirche sehen wir einen Engel der Apokalypse, der seine Hand ausstreckt.
Auferweckung auch heute noch?
Der wichtigste Glaubensinhalt für das christliche Selbstverständnis ist die Auferweckung Jesu. Es ist der Kern jeder christlichen Verkündigung. Aber mit dieser Feststellung hören auch schon alle Selbstverständlichkeiten auf. Was ist mit dem schillernden Begriff Auferweckung gemeint? Gibt es eine Definition dessen, was vor fast 2000 Jahren passiert sein soll? Können wir über unseren Glauben so sprechen, dass wir diese Selbstverständlichkeiten auch wirklich mit Leben füllen können und das buchstäblich? Man hat doch oft den Eindruck, als wäre die Auferweckung Jesu so selbstverständlich, dass sie nicht mehr bewiesen werden muss, sondern als gesetzt gilt.
Farbloser Pilatus
Pilatus gehört zu den wenigen Gestalten an der Autobahnkirche, die namentlich bezeichnet werden, auch wenn die Handlung, die er vollzieht, ihn eindeutig zuordnet. Er wäscht seine Hände in Unschuld. Auf seinem Gewand erscheint sein Name unter einem blutroten Farbklecks. Pilatus wird ansonsten ohne irgendwelche Farbe ausgeführt, er versteckt sich in der Farblosigkeit. Wer farblos bleibt, der fällt nicht auf, der kann sich im Hintergrund halten und muss keine Verantwortung übernehmen. Er macht sich die Hände nicht schmutzig und lässt andere für sich arbeiten und entscheiden. Es ist das Verhalten eines Mitläufers.
Engel hoch sechs
In den westlichen Fenstern der Autobahnkirche sehen wir sechs Gesichter, ganz gewöhnliche Gesichter, alltägliche Gesichter von unterschiedlichen Personen. Nach Emil Wachter sind es Gesichter von sechs Engeln, die die sieben Siegel in der Apokalypse öffnen. Wenn wir Engel darstellen, gehen wir meist von idealisierten Figuren aus, die die besten Eigenschaften der Menschen in sich tragen und die mindestens dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Anders hier an der Autobahnkirche. Selten lässt sich bei den vielen Gesichtern, die Emil Wachter zeigt, darauf schließen, wer hier jetzt dargestellt ist. Zu gewöhnlich sind diese Gesichter, zu sehr mit unserer Zeit verbunden, als dass wir eine Verbindung zum biblischen Geschehen herstellen können.
Zuschauen oder Anpacken
Zwei Augen und zwei Hände sehen wir am Abrahamstor der Autobahnkirche. Sie stehen für die wichtigsten Tätigkeiten des Menschen. Augen und Hände sind wohl ausschlaggebend gewesen, dass wir unsere Kultur hervorgebracht haben. Es ist wichtig, dass wir uns unsere Welt, in der wir leben, erschließen. Dazu brauchen wir einen guten Blick für das, was ist. Vor allem aber auch den Blick dafür, wie es ist. Da wirkt natürlich unser Verstand im Hintergrund. Und wenn wir erkannt haben, was und wie etwas ist, dann können wir im wahrsten Sinn des Wortes zugreifen und gestalten. Ohne unsere Hände wären wir machtlos.
Sarah, die Fürstin
Sie schaut schon etwas verbiestert in die Welt, Sarah, die Frau von Abraham. Mit ihren markanten Gesichtszügen strahlt sie Autorität und wilde Entschlossenheit aus. Sie st eine Frau, die weiß, was sie will. So sieht sie Emil Wachter und so stellt er sie am Abrahamstor mit dieser herrscherlichen Haltung dar.
Wenn von den Erzvätern gesprochen wird, führt sie ein Schattendasein, sie tritt hinter Abraham, Isaak und Jakob zurück. Aber sie ist genauso wichtig wie Abraham selbst, denn ohne sie würde die Verheißung, dass aus Abraham ein Volk erwachsen soll, dessen Angehörige so zahlreich wie Sterne am Himmel sind, ins Leere laufen.
Wenn von den Erzvätern gesprochen wird, führt sie ein Schattendasein, sie tritt hinter Abraham, Isaak und Jakob zurück. Aber sie ist genauso wichtig wie Abraham selbst, denn ohne sie würde die Verheißung, dass aus Abraham ein Volk erwachsen soll, dessen Angehörige so zahlreich wie Sterne am Himmel sind, ins Leere laufen.
Tränenkelch
Das Fenster an der Südseite der Autobahnkirche, das die Szene im Garten Gethsemane zeigt, hat in der Mitte eine eigenartige Darstellung. Als eine goldene Schale könnte man sie deuten, in die Wassertropfen fallen. Oder sind es Tränen? Wenn wir uns Jesus in Todesangst vorstellen, dann liegt es nahe, hier seine Tränen zu sehen, die in der Schale aufgefangen werden. Er sagt bei seiner Verhaftung: »Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?« (Johannes 18,11) Hier geht es nicht um den Kelch, der ausgetrunken werden soll, sondern um den, der erst noch gefüllt wird.
Partystimmung
Es geht drunter und drüber. Musik und Gesang, Alkohol fließt in Strömen, Sex and Drugs and Rock 'n Roll, die Stimmung ist ausgelassen, das Leben wird in vollen Zügen genossen. Heute würde man sagen: ein tolles Fest, eine richtig gute Party. Doch diese Meinung wird nicht allerorten geteilt. Glaubens- und Sittenwächtern sind solche Feste ein Gräuel. Die Moral geht dabei zugrunde und die Menschen werden verdorben. Am Abrahams-Tor, für das Emil Wachter diese Darstellung geschaffen hat, geht es um das Thema »Sodom und Gomorrha«.
Meistens kommt es anders
Kaum eine biblische Gestalt versucht sich so sehr dem Anspruch Gottes zu widersetzen, wie der Prophet Jona. Wir sehen ihn am Abrahamstor dargestellt. Dort ist er der Wasserspender am Brunnen. Was macht diesen Propheten aus? Das kurze Buch Jona schildert in einer Parabel die Ereignisse. Jona erhält den Auftrag, der Stadt Ninive den Untergang anzukündigen, weil die Menschen dort nicht nach den Geboten Gottes leben. Jona weigert sich und flüchtet ans andere Ende der Welt. Dort kommt er aber nie an.
Rein und unschuldig
Wer die Autobahnkirche betritt, geht direkt auf das Fenster zu, in dessen Mittelpunkt das Lamm steht. Es ist ein Bild aus der Offenbarung des Johannes. In dieser Erzählung ziehen alle Völker zum Lamm, um es anzubeten. Es steht für Jesus Christus. Das Lamm als schwaches Tier, das immer wieder den wilden Tieren zum Opfer fällt, schien ein gutes Sinnbild für das Leben und das Sterben Jesu Christi zu sein. In biblischen Zeiten waren es ja nicht nur die wilden Tiere, die den Lämmern nachsetzten, sondern unzählige religiöse Riten forderten das Opfern von Tieren, die eigentlich zum Lebensunterhalt gebraucht wurden. Mit dem Opfer, das möglichst unschuldig, makellos und rein sollte, versuchte man, die Gunst Gottes zu erlangen. Man gab etwas Wertvolles, um Gott gnädig zu stimmen.
Nimm mich, lass mich
Da wartet eine große Aufgabe auf dich, die du gerne wahrnehmen würdest. Du bist dir aber nicht sicher, ob du das wirklich tun sollst. Vielleicht traust du es dir doch nicht ganz zu, fühlst dich etwas überfordert und kennst dazu noch jemanden, der oder die das sicherlich besser könnte als du selbst. Aber da ist das Reizvolle, die Herausforderung, vor die du dich gestellt siehst, du fühlt dich geschmeichelt, weil da jemand ist, der dir das alles zutraut. »Soll ich, soll ich nicht?« Diese Frage wird hin und her gewälzt und es gibt keine eindeutige Antwort. Am Elia-Turm sehen wir den Propheten Elia, der mit sich ringt.
Behütet und beschützt
Der Prophet Elia hat sich immer des Schutzes Gottes erfreut. Er konnte gar nicht fehlgehen, weil er wusste, das Gott auf seiner Seite steht. Zwar hat er immer auch daran gezweifelt, aber die Grundrichtung seines Lebens war so, dass er sich sicher war, dass er den Schutz nie verlieren würde. So stellt ihn Emil Wachter an der Westseite des Elia-Turmes an der Autobahnkirche dar. Elia, geborgen in einem Trapez ist umgeben von Blütenranken. Er ist geschützt, wie Dornröschen im Schloss. Auch die tödliche Verfolgung durch König Ahab und Königin Isebel können ihm nichts anhaben.
Verbotene Bäume
Bäume sind Zeichen für das Leben. Nicht zuletzt in Stammbäumen drücken wir unsere Herkunft aus und zeigen damit, wo unsere Wurzeln sind und wo wir herkommen. Deshalb spielen in allen Religionen Bäume eine wichtige Rolle. Sie tauchen in verschiedenen Mythen immer wieder auf. So auch in der Schöpfungsgeschichte im zweiten und dritten Kapitel im Buch Genesis. Da ist vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis die Rede. Es sind verbotene Bäume, die den Menschen vorenthalten bleiben. Die zwangsläufige Übertretung des Verbots begründet das Dasein des Menschen als Wesen, das unter Schmerzen zur Welt kommt und das sich sein Überleben durch schwere Arbeit sicheren muss.
Grausame Schönheit
Schönheit und Macht trafen im Lauf der Geschichte immer wieder aufeinander. Diese Allianz war dann nicht immer zum Besten der Untertanen und gereichten auch den Herrschenden nicht immer zum Wohl. Wer nach menschlichen Ermessen mit Schönheit gesegnet war, verdankte dies weniger den eigenen Fähigkeiten, sondern viel eher den Erbanlagen und bekam dies als Gabe mit auf den Weg ins Leben. Ob man reich oder mächtig war, hat normalerweise keine Rolle gespielt. Wenn Schönheit, Reichtum und Macht zusammentrafen, dann waren dies meist politisch turbulente Zeiten, in denen Geschichte gemacht wurde.
Nur geerdet reicht nicht
Immer wieder wird betont, wie wichtig es ist, dass wir gut geerdet sind. Und das ist richtig. Ohne eine gute Bodenhaftung würden wir haltlos im Raum herum schweben und nicht so richtig wissen, wo wir sind und wo wir hingehören. Gerade für unser geistliches Leben ist eine gute Bodenhaftung unerlässlich. So beugen wir Schwärmerei vor, wir vertrauen nicht nur unserer Intuition, sondern auch unserem kritischen Verstand, mit dem wir verschiedene Phänomene deuten und in ihrer Bedeutsamkeit für unser Leben einordnen können.
Verliese der Macht
Ein Kennzeichen von totalitären Systemen ist es, dass Menschen weggesperrt werden und niemand weiß, wo sie geblieben sind. Schmachten sie noch in irgendwelchen Verliesen, werden sie gefoltert oder sind sie schon lange tot und ihre Leichen beseitigt? Diese Vorstellungen, vor allem aber die Mutmaßungen über ihr Schicksal wird von den Machthabern ganz bewusst eingesetzt, um bei den Menschen Angst zu schüren und jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Nur hinter vorgehaltener Hand traut man sich, über das zu spekulieren, was in den Kellern der Staatsgefängnisse geschieht. Alle haben Angst vor staatlicher Willkür und resignieren vor einer übermächtigen und unberechenbaren Gewalt.
Wir sind doch Sternenstaub
Die Gestirne haben die Menschen immer schon fasziniert. Waren sie früher noch die Verkörperung der Götter, so sind sie heute Ziel von Fantasien und Wünschen. Sonne, Mond und Sterne lassen uns erahnen, wie klein und unbedeutend wir sind, aber auch dass die Welt und wir etwas Großes und Einzigartiges an uns haben. Unsere Sonne, der wir alles Leben verdanken, ist nur ein kleiner Stern unter Milliarden anderen Sonnen in unserer Milchstraße. Diese ist auch nur eine eher kleinere Sterneninsel im Kosmos.































































