Bilderweltarchiv 2020

 
Die Autobahnkirche Baden-Baden bietet dem Auge des Betrachters viele Anregungen. Diese Darstellungen in Beton, Glas und Email regen zum Nachdenken an. Wir werden in loser Folge auf unserer Homepage einige Bilder vorstellen und mit einer kleinen Betrachtung Denkanstöße geben. Wenn es dazu führt, das Original zu betrachten, dann freuen wir uns darüber. Denn das Gesamtkunstwerk »Autobahnkirche« ist dazu da, dass man mit ihm in Kontakt kommt.
  

Jerusalem, du Stadt des Friedens

Jerusalem ist eine der ältesten Ansiedlungen der Menschheit. Jerusalem ist aber auch eine der Städte, die im Lauf der Geschichte immer wieder im Brennpunkt des Interesses gestanden ist. Und Jerusalem ist auch die Stadt, die am meisten von verschiedenen Religionen profitiert und unter den Konflikten, die diese Religionen mit sich brachten, gelitten hat.

Es ist ein Ros' entsprungen

Im Weihnachtsfenster der Autobahnkirche finden wir einige bekannte Motive wieder. Neben der Krippe, dem Esel, der heiligen Familie auf der Flucht finden wir eine sehr unscheinbare kleine Rose. Das ist eine Anspielung auf das Weihnachtslied »Es ist ein Ros’ entsprungen«. Dieses Lied gehört für uns ganz selbstverständlich zu Advent und Weihnachten. Es wird in diesem Rätsellied ein Hinweis auf Maria gegeben. Es verweist auf die Geburt von Jesus, der aus dem Stammbaum Davids und damit von seinem Vater Jesse oder Isai kommt. Diese kleine Rose, die Emil Wachter im Fenster versteckt hat, so dass sie erst beim zweiten oder dritten Hinschauen auffällt, zeigt auch die Unscheinbarkeit der Geburt Jesu. Sie ist wie das Blühen einer Rose, das kommt ohne dass man etwas dafür tun kann, und ist so klein und wenig beachtenswert für die Zeitgenossen.

Das ist mal eine gute Nachricht

Wir sind heute jeden Tag mit neuen Nachrichten konfrontiert. Und nach dem Grundsatz, das nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, wird unsere Sichtweise der Welt durch diese Auswahl geprägt. Wir erfahren nur dann etwas, wenn es schlimm ist, je schlimmer umso besser. Warum ist das so? Vielleicht ist es der Schrecken, der uns aufhorchen lässt? Oder nicht doch die Erleichterung darüber, dass man vom Schicksal, das andere getroffen hat, verschont geblieben ist? Wenn wir ehrlich sind, dann interessieren wir uns ja mehr für all das Unglück, das geschieht. Wir sehen, hören und lesen lieber davon. Positive Nachrichten sind lange nicht so interessant.

Wie ein Vogel im Nest

Es gehört wohl zu den schönsten Bildern, die Geborgenheit vermitteln: Das Vogeljunge, das im Nest sitzt und von den Eltern gefüttert wird. Solch eine Darstellung sehen wir am Elia-Turm. Ein Nest drückt Heimat und Zugehörigkeit aus, ich weiß, wo ich hingehöre, wenn ich ein Nest habe. Diesen Gedanken griff Emil Wachter am Elia-Turm auf, kehrt ihn aber in seiner Aussage in sein Gegenteil um. Er beschreibt das Prophetenschicksal. Ein Prophet weiß eben nicht mehr, wo er hingehört. Durch seine Berufung ist er seinem bisherigen Umfeld entrissen. Seine Erfahrungen machen es ihm unmöglich, wieder in sein altes Leben zurückzukehren. Er hat sein Nest verloren und geht einer ungewisse Zukunft entgegen.

Tor zur Welt

Steht man vor dem Glockenturm an der Autobahnkirche, dann sieht man drei Tore, die sich zum Schwarzwald hin öffnen. Drei Tore, die man durchschreitet, wenn man das Gelände der Autobahnkirche verlässt oder auf sie zugeht. Das hat eine tiefe Symbolik. Mit Toren trennen wir Bereiche ab und schaffen gleichzeitig die Möglichkeit, durch scheinbar unüberwindbare Mauern hindurchzuschreiten. Heute müssen wir unsere Städte nicht mehr durch Mauern und bewachte Tore schützen. Wir können unsere Sicherheit anders garantieren. Aber sinnbildlich bestehen immer noch Mauern, die Grenzen zwischen Menschen und Institutionen, zwischen Lehren und Überzeugungen sind oft unüberwindlich. Wir wissen heute auch, dass es schwieriger ist, Mauern in den Köpfen zu durchbrechen als sie im wirklichen Leben zu schleifen.

Gott am Kreuz

Die Kreuzesdarstellung im Fenster an der Westfront der Autobahnkirche ist von Emil Wachter als vielschichtiges Werk gestaltet. Er dabei auch Anleihen bei anderen Künstlern gemacht und deren Themen neu ausgestaltet. So springt zunächst Jesus als der Gekreuzigte in den Blick. In ihm erkennen wir den Menschen, der er war. Seine blutenden Arme sind am schwarzen Kreuzesbalken festgenagelt. Das Schwarz ist in den Fenstern eine immer wiederkehrende Farbe. Es ist das Schwarz der Betonfassungen der einzelnen kleinen Glaselemente.

Gekreuztes Leben

»Schließe ab mit dem was war, sei glücklich mit dem was ist und offen für das was kommt. Das Leben ist schön, von einfach war nie die Rede.« So lautet ein Sinnspruch, der immer wieder gepostet und besonders mit dem letzten Satz auf Karten gedruckt wird. Es wird die Erfahrung ausgedrückt, wie unser Leben bedingt ist durch das, was wir erlebt haben, was uns geprägt hat. Diese Erlebnisse sind Vergangenheit. Wir können sie nicht mehr ändern, doch sie bleiben uns in der Erinnerung erhalten. Wie das geschieht, das liegt viel an uns selbst. Unser Leben ist aber auch auf Zukunft hin angelegt. Wir wissen nicht, was kommt.

Es ist sehr gut

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Die Vignette auf der unteren der beiden Glocken im Glockenturm der Autobahnkirche zeigt das Auge Gottes, das auf die Schöpfung blickt. Im Buch Genesis wird dieser Blick Gottes mehrfach beschrieben: »Gott sah, dass es gut war.« Am Ende des sechsten Schöpfungstages, als alles vollendet wurde wir der Kommentar noch deutlicher: »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.« (Gen 1,31) Das ist das Urteil Gottes über die gesamte Schöpfung, den gesamten Kosmos, mit allem, was ihn erfüllt. Ganz gleich ob es belebte oder unbelebte Natur ist, ob Leben Intelligenz oder keine Intelligenz hat. Alles ist in den Augen Gottes sehr gut. Die Schöpfung ist gut gelungen. Und dieses Selbstlob wird vom Verfasser des Schöpfungsliedes Gott in den Mund gelegt. Es ist sehr gut, und damit haben wir auch eine Möglichkeit, wie wir auf die Schöpfung schauen können.

Nach innen gewandt

Wir kennen unterschiedliche Haltungen für das Gebet. Neben den gefalteten Händen können wir mit Händen und Armen, aber auch mit dem ganzen Körper verschiedene Aspekte des Betens ausdrücken. Emil Wachter stellt an einem der Betonstühle in der Autobahnkirche einen betenden Menschen dar. Dieser hat die Arme vor der Brust gekreuzt. Diese Gebetshaltung wird oft dann verwendet, wenn man das stille, innerliche Gebet darstellen will. Die gekreuzten Arme erzählen von Sammlung und Innerlichkeit. Sie sind ein Schutz vor dem Außen, ich möchte alles ausblenden, was mich von der Konzentration auf mein Innerstes, auf Gott ablenken kann.

Da ist Nichts

Es sind einfache Mandalas, die wir an der Decke der Krypta in der Autobahnkirche finden. Das Wort »Mandala« stammt aus dem Sanskrit und bezeichnet ganz einfach einen Kreis. Im Hinduismus und später auch im Buddhismus dienten diese Kreisbilder zur Sammlung und Meditation. Sie entstanden als Bilder aus gefärbtem Sand auf dem Boden, die nach ihrer Fertigstellung wieder zusammengefegt wurden. Manchmal viereckig, meist rund haben Mandals Eingang in unsere westliche Kultur gefunden. Wir beschreiben damit Meditationsbilder, die auf ihre Mitte hin konzentriert sind. Das außen hilft dabei, sich auf die Mitte zu konzentrieren oder den Blick, wie auf diesem Deckenbild von Emil Wachter, in die Mitte zu lenken. In diesem Fall aber ist die Mitte - leer.

Mit Vollmacht sprechen

Neben dem Pfingstbild in der Krypta der Autobahnkirche sehen wir einen Petrus, der entschlossen ist. Er spricht von Herzen, er weiß, dass er etwas zu sagen hat. Und er tut das auch. Er ist ganz bei der Sache und spricht mit ganzem Körpereinsatz. Sein Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass seine Botschaft für ihn die Rettung bedeutet und für die Welt wichtig ist. So predigt er vor den Volksmassen und verkündet den auferstandenen Christus. Es hat gedauert, bis Petrus so entschlossen auftreten konnte. Es gibt einige Darstellungen in der Autobahnkirche, wo er ganz andere Seiten von sich zeigt. Hier stellt ihn Emil Wachter aber als einen dar, der sich einer Botschaft verpflichtet weiß, der voll und ganz überzeugt ist. Wahrscheinlich kann er das nur sein, weil er durch alle Zweifel hindurch gegangen ist, den Zweifel an Jesus und Gott, den dieser verkündet hat, aber auch Zweifel an sich selbst und seinen Möglichkeiten.

Am Boden zerstört

Unter dem mit Dornen gekrönten Jesus sehen wir in der Krypta der Autobahnkirche einen Petrus, der im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört ist. Er hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Er liegt in sich gekrümmt auf dem Boden, er kann all das nicht mit ansehen, was passiert. Er hat zwar keine direkte Schuld daran, dass Jesus verurteilt wird, doch er wirft sich vor, dass er sein Versprechen nicht gehalten hat und nicht zu Jesus und seiner Botschaft gestanden ist, als es darauf ankam. Er hat ihn verleugnet und sich selbst in seine Angst geflüchtet. Als es zu spät ist, tut es ihm Leid und er bereut zutiefst.

Wenn wir frieden

Wir kennen viele Wortschöpfungen, in denen das Wort Frieden vorkommt: Wir schaffen Frieden, wir schließen Frieden, wir sind friedlich oder zufrieden. Und wir arbeiten für den Frieden, wir demonstrieren, marschieren, beten, meditieren für den Frieden, wir sprechen vom Landesfrieden oder befrieden ganze Landstriche. Die Liste ließe sich fortsetzen. Jede und jeder hat seine eigenen Wortbilder wenn es um den Frieden geht. Und Frieden ist wichtig, bleibt oft ein Traum und ist wahrscheinlich eine Voraussetzung dafür, dass die Menschheit weiterlebt, und überlebt.
Bei all diesen Begriffen, die den Frieden beinhalten, ist Friede immer Objekt, etwas, das uns gegenüber steht.

Gut gehimmelt, gut geerdet

Als Menschen tragen wir laut dem zweiten Schöpfungsbericht die Erde im Namen: Adam leitet sich vom hebräischen adamah = Erdboden ab. Der Mensch wurde aus Erde geschaffen, so lesen wir im zweiten Kapitel im Buch Genesis. Diesen Bezug drücken wir auch aus, wenn wir Menschen beisetzen und Erde mit ins Grab geben: »Von der Erde bist du genommen, zur Erde kehrst du zurück.« Es ist einfach, uns als Menschen der Erde zu verstehen, auch wenn wir uns oft genug darüber erheben. Die Erde stellt auch das dar, was wir wissenschaftlich sind: Materie. Da steckt das Wort mater, lateinisch für Mutter, drin. Aus Materie sind wir geschaffen, heute sagt man, dass wir Sternenstaub sind, dass heißt, wir sind aus dem gemacht, was seit 16 Milliarden Jahren in mehreren Sonnengenerationen ausgebrütet wurde.

Im Segen stehen

Religionen sind notwendig, damit wir einander zusagen können, dass wir gesegnet sind. Aber was bedeutet das eigentlich? Die Darstellung der Verkündigung von Emil Wachter in der Krypta der Autobahnkirche zeigt uns einen Weg. Der Engel Gabriel verkündet Maria, dass sie einen Sohn empfängt und gebären soll. Sie selbst steht regungslos da, in einer Körperhaltung, die Versunkenheit ausdrücken kann. Der Engel Gabriel ist dagegen reine Dynamik und Bewegung. Er ist es auch, der Maria den Segen zusagt: Und diese Zusage meint etwas Besonderes: »Gott schaut dich an!« Oder anders ausgedrückt: »Du stehst im Blickfeld Gottes! Du stehst unter oder im Segen Gottes!«

An der Spielkonsole

Bei manchen Darstellungen in der Autobahnkirche wundert man sich, wie weit Emil Wachter die Zukunft vorausgesehen hat. Einige Bilder kann man so deuten, als wären sie für unsere Zeit geschaffen und nicht schon vor über 40 Jahren entstanden. So auch das Tier aus der Offenbarung, das am Schreibtisch sitzt und den Untergang der Welt nicht nur plant sondern auch durchführt. Auch schon in den späten siebziger Jahren war man sich darüber bewusst, dass das Töten im Krieg nicht mehr direkt geschieht, sondern dass man tötet, indem man Maschinen bedient.

Machtgötter

Immer dann, wenn wir Menschen uns ohnmächtig fühlen, dann suchen wir nach Modellen, wie wir dieser Ohnmacht begegnen können. Wir erzählen Geschichten, in denen beispielsweise Götter den Sieg davon tragen und den Menschen wieder ein gutes und glückliches Leben ermöglichen. In vielen Mythen werden so die Unbilden des Lebens ins Gegenteil gewendet und aus der Ohnmachtserfahrung wird eine Demonstration göttlicher Macht. Es gab eine Zeit der Menschheitsentwicklung, in der wir ohne diese mächtigen Götter nicht ausgekommen sind. Ihre Spuren sind noch immer in den Heiligen Schriften quer durch alle Religionen zu finden, auch in der Bibel. Der Gott des ersten Testaments wird oft als mächtiger Krieger geschildert, der für sein Volk kämpft oder es dem Untergang preisgibt.

Drachenbrut

In mythologischen Geschichten und in Fantasy-Welten spielen Drachen eine wichtige Rolle und selbst in der Bibel kommt man nicht ohne aus. In der Apokalypse bedroht ein Drache, Sinnbild des Bösen, die Frau mit dem Kind. In Sagen und Legenden sind Drachen auch meist böse. Sie müssen bekämpft und besiegt werden. Drachen sind Wesen mit übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten. Sie können Feuer spuken und haben einen besonderen Zugang zu Weisheit und Intelligenz. Drachen sind verschlagen und herrschsüchtig, Drachen haben große Macht und sind fast unbesiegbar. Einzig auserwählten Helden ist es vergönnt, sie zu besiegen und im Drachenblut zu baden, um selbst unbesiegbar zu werden.

Erdgebunden und geistgewirkt

Die Engel im Westfenster der Autobahnkirche haben etwas gemeinsam. Ihre Gesichter sind weiß, ihre Flügel tragen die Farben rot und blau. In der Farbsprache der Autobahnkirche taucht blau immer dann auf, wenn es um die Verbindung zum Irdischen geht. Rot dagegen ist die Farbe der heiligen Geistkraft, die alles durchdringt. Wenn man die Kirche betritt scheinen diese beiden Farben zu dominieren, auch wenn es de facto nicht so ist. Doch wenn Emil Wachter die beiden Flügel jeweils in einer der beiden Farben gestaltet, dann hat das einen Grund.

Auch Gott hat Charismen

Es ist schwer, Gott feste Eigenschaften zuzusprechen. Jede Aussage grenzt Gott ein und zieht Gott auf eine eher menschliche Stufe. Gott wird dadurch mehr und mehr zu einer Projektionsfigur all dessen, was Menschen fehlt oder was Menschen nicht sind. Einen Beweis für die Existenz Gottes stellen diese Zuschreibungen ja auch nicht dar, das haben die Philosophen der Aufklärung zur Genüge gezeigt. Und dahinter können wir auch nicht mehr zurück. Am Südeingang der Autobahnkirche, an der Innenseite der Tür hat Emil Wachter die Schlussformulierung aus dem Vater unser handschriftlich zugefügt. Es sind dies vier Eigenschaften Gottes, die wir uns selbst, wenn wir ehrlich sind, nicht zusagen können: Macht, Kraft, Herrlichkeit und Ewigkeit sagen viel darüber aus, wie wir von Gott denken. Und damit sagen wir wahrscheinlich mehr über uns selbst aus, als über Gott.

Lamm Gottes

Das Lamm ist ein christliches Symbol, dass sehr schnell auf Jesus hin gedeutet wurde. Er wird als das Lamm bezeichnet, das die Sünden der Welt getragen hat, das Lamm, das zur Schlachtbank geht als Opfer für die Sünden aller Menschen. So wird auch das Agnus Dei, das Lamm Gottes in jeder katholischen Messfeier gebetet. Diese Texte nehmen unter anderem Bezug auf die Opfertiere, die im Tempel von Jerusalem geschlachtet wurden, um sich mit Gott auszusöhnen. Der Opferkult ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ich gebe Gott etwas, das mir wert und teuer ist, dafür stehe ich fortan unter dem Segen Gottes. Mit Jesus und seinem Tod am Kreuz ist das letzte Opfer vollzogen, Gott in alle Ewigkeit mit uns versöhnt, so eine Deutung des Geschehens vom Karfreitag.

In Ewigkeit

Im Vaterunser geht uns dieses Wort wie selbstverständlich über die Lippen. Im Gottesdienst taucht es immer wieder auf und wird doch kaum thematisiert. Es ist ein schwieriges Wort. Noch schwieriger ist es, die Wirklichkeit, die damit verbunden ist, zu verstehen. Was bedeutet Ewigkeit? Was ist ewig?
Wir kennen zwei verschiedene Deutungsstränge. Der eine ist die Zeit, die in unzähligen Einheiten ewig fortschreitet, es ist die Zeit, so wie wir sie erleben, ins Unendliche fortgesetzt. Das ist die Ewigkeit, die Angst macht, weil wir zwar eine Erfahrung davon haben, dass Zeit vergeht, wir uns aber nicht vorstellen können, was das für eine unendlich fortschreitende Zeit bedeutet.

Auf die Rückkehr kommt es an

Die Weisen, die dem Stern gefolgt waren und das Kind in der Krippe gefunden haben, sind einen weiten Weg gegangen, bis sie an ihr Ziel gekommen sind. Aber diese Ankunft ist noch nicht das Ende der Geschichte, auch wenn wir es oft so sehen. Die Könige kommen mit allen anderen bei der Krippe an. Diese Darstellung sehen wir in unseren Kirchen und in den Krippen zuhause. Nach dem Besuch der Krippe und der Bestätigung ihrer Vermutung, liegt jetzt der lange Heimweg vor ihnen. Denn erst wenn sie wieder zuhause angekommen sind, dann sind sie auch in Bethlehem gewesen. So wie jede Reise erst wirklich vollendet ist, wenn man wieder zuhause, das heißt im Alltag angekommen ist.

Alles nur die Schuld von Eva?

Die Erzählung vom Sündenfall aus dem Buch Genesis hat im Verlauf der Geschichte viel Unheil angerichtet. Mit dieser Geschichte wurde begründet, warum die Frau dem Manne untergeordnet sei und dass sie den Adam zum Übertreten des göttlichen Gebotes animiert hätte. Auch dass die Frau einen schwachen Charakter hätte und damit den Einflüsterungen des Bösen viel leichter erliegen würde als der Mann. All das ist natürlich Unsinn und kann heute nicht mehr ernsthaft behauptet werden. Solche Deutungen haben dazu beigetragen, dass es hauptsächlich Frauen waren, die während der Hexenverfolgungen grausam gefoltert und ermordet wurden. Es liegt aber in der Natur von solchen Geschichten, dass sie auf diese Weise im kollektiven Gedächtnis bleiben und wider besseres Wissen immer wieder weitergegeben werden.

Anders heimkehren

In der Erzählung vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium begegnen wir genaugenommen Menschen, die aus unserer Zeit stammen können. Sie können es sich leisten, die halbe Welt zu durchqueren, um eine Beobachtung, die sie gemacht haben, zu überprüfen. Sie schließen aufgrund einer besonderen Sternenkonstellation darauf, dass in Judäa ein neuer, großer König geboren sei. Ihm wollen sie ihre Aufwartung machen und für ihn nehmen sie viele Mühen auf sich. Schließlich kommen sie am Ziel an und finden ihre Vermutung bestätigt, aber nicht so, wie gedacht, denn der König wird nicht im Palast in Jerusalem sondern in der Kleinstadt Bethlehem in einem unscheinbaren Haus geboren. Sie kommen an ihr Ziel und sind zufrieden.

Das Ungeheuer der Moderne

Wer auf die Autobahnkirche zuläuft, dem sticht es sofort ins Auge. Riesengroß steht es dem Betrachtenden des Noah-Turmes gegenüber. Ein rätselhaftes Monstrum schaut einen an, statt eines Kopfes sieht man ein Auto, technische Gerätschaften bilden seine Organe, in den Händen hält es Autoteile und Werkzeuge. Es steht auf einem Autotransporter. Emil Wachter sieht darin ein Mahnmal der Moderne. Es ist der Mensch, der sich ganz und gar der Technik und der Industrie ausliefert. Er verliert alle Menschlichkeit und passt sich ganz in die Welt der Produktion und technischer Abläufe ein. Das Denken wird von Maschinen gesteuert, namentlich hier an der Autobahn von einem Auto und der notwendigen Industrie. Alles passt sich dem an.

Schau hin und handle

Wer über die Nordseite die Autobahnkirche betritt, öffnet das Portal mit einem Griff, auf dem zwei Augen und eine Hand abgebildet sind. Es ist eine Aufforderung hinzuschauen und tätig zu werden. In unserer Zeit beschränken wir uns allzu oft auf das Sehen. Durch die modernen Medien sind wir in der guten Lage, dass wir ganz viel sehen und erleben können. Wir bekommen in kürzester Zeit alles mit, was auf der Erde und um uns herum passiert. Wir sind rundherum informiert und können von der gemütlichen Couch aus auf den Bildschirm blicken und sehen, wie an anderen Orten Menschen mit einer Katastrophe kämpfen, wie sie vor Waffengewalt fliehen, wie sie sich gegen Unterdrücker und Ungerechtigkeit wehren oder wie sie mit Waffen ermordet werden. Wir können das alles sehen.

Melodie des Schreckens

Das Tier aus der Apokalypse, wie es in der Ostfront der Fenster in der Autobahnkirche dargestellt ist, sitzt an einem Tisch und steuert den Schrecken. Es sieht aus, wie jemand, der am Klavier sitzt und spielt. So können wir uns das auch vorstellen. Alles, was geschieht, hat einen Sinn und wird von höchster Seite dirigiert. Hier ist das Böse am Werk und verrichtet präzise seine Arbeit. Immer wieder wurden Menschen mit diesem Wesen identifiziert. Kaum ein Tyrann, der nicht mit dem höllischen Wesen aus der Offenbarung verglichen wurde, und der Vergleich lag ja nahe. Ähnlich wie dieses Wesen Schrecken verbreitet hat, haben Tyrannen und Diktatoren ihre Macht ausgeübt und auf Gewalt aufgebaut. Und sie haben es verstanden, ihre Schreckensmelodie zu spielen.

Kinder sind die Zukunft

Immer wenn ein Kind zur Welt kommt, dann sind die Menschen glücklich. Eltern haben das Leben weitergegeben, Großeltern sehen, dass das Leben, das aus ihnen entsprungen ist, weitere Früchte getragen hat. Kaum ein Ereignis im Leben eines Menschen setzt so viel Hoffnung frei. Selbst wenn es schwierige Umstände waren, unter denen neues Leben gezeugt und geboren wurde, strahlt Hoffnung auf. Mit diesem Menschen beginnt etwas Neues mit allen Chancen und Risiken, die damit verbunden sind. Kinder sind die Zukunft!
Deshalb tauchen sie auch am Noah-Turm auf.

Für eine friedliche Welt

Wozu sind Religionen da? In Zeiten, in denen die Macht der Götter schwindet, wenn Menschen ohne Gott auskommen wollen oder können, stellt sich diese Frage unweigerlich. Und sie werden mittlerweile nicht nur von Philosophen gestellt, sondern von vielen gläubigen Menschen angesichts des Leids, das im Namen von Religionen weltweit verursacht wird. Da steht keine Religion der anderen nach. Immer wieder werden Kriege im Namen Gottes, für den reinen und wahren Glauben, für den Macht und Einfluss Gottes ganz gleich auf welche Art und Weise geführt. Mal sind es Waffen, mal Worte, mal unbarmherzige Gesetze, mal gnadenlose Vorschriften, die die Würde und Rechte von Menschen einschränken.

Aufbrechen

Die Katastrophe ist vorbei, die Flut, die die Erde und die Menschheit heimgesucht und vernichtet hat, ist zurückgegangen. Noah ist mit der Arche am Berg Ararat gestrandet, jetzt kann das Leben neu beginnen. Die Menschen und Tiere verlassen die Arche und beginnen wieder, ihre Spuren auf der Erde zu hinterlassen. So kann man dieses Motiv von der Nordseite des Noah-Turmes an der Autobahnkirche mit wenigen Worten deuten. Das Symbol für den Aufbruch, das Emil Wachter findet, sind die Fußspuren, die die Menschen hinterlassen. Es gibt für einen Neuanfang kein besseres Zeichen als Fußspuren im unberührten Sand.

Der Verführer

Schwarz, schattenhaft, undurchsichtig und unheimlich. So stellt Emil Wachter den Verführer dar. In den drei Fenstern an der Ostseite der Autobahnkirche sehen wir die Versuchung Jesu, einmal zumindest erscheint auch der Verführer in Person. Die schwarze Gestalt hat nur zwei kleine Farbflecken, am Kragen und die Augen. Kein Licht dringt durch ihn hindurch. Der Hut, ein Symbol von Emil Wachter, mit dem er ihn als Zeitgenossen von uns zeigt. Es ist nicht die archaische Gestalt mit Hörnern und Bockshuf aus ferner Vergangenheit, sondern er sieht aus wie die Menschen von heute. Der Versucher ist ein Zeitgenosse!

Werkzeug der Endzeit

An der Ostseite der Fenster der Autobahnkirche sieht man links neben dem Eingang das Tier, das in der Apokalypse erwähnt. Darunter, man könnte es fast schon übersehen aufgrund der Darstellung der Gestalt, sieht man eine Sichel. Sie steht für das jüngste Gericht. Ähnlich wie die Sense ist sie ein Symbol für die Ernte, die am Ende der Zeiten eingeholt wird. Wenn die Sichel zum Einsatz kommt, dann wird das Wachstum beendet. Das, was bisher genutzt wurde an Nährstoffen und Flüssigkeit, muss jetzt reichen, ein weiteres Wachstum ist nicht mehr möglich. Die Pflanze, die geerntet wird, ist fortan abgeschnitten von dem, was sie am Leben erhalten hat. Um geerntet werden zu können, muss diese Verbindung abgeschnitten werden. Die Ernte ist deshalb auch ein Bild, das wir für den Tod verwenden, und das Erntewerkzeug wird zum Werkzeug des Todes.

Mit der Katastrophe versöhnt?

An der Spitze des Noah-Turmes hat Emil Wachter eine Darstellung von Noah angebracht, die zwar passend scheint, für den Betrachter von heute aber einige Fragen aufwirft. Aus der erhöhten Warte blickt Noah auf eine neue Welt, die noch jungfräulich ist. Alle Spuren der Menschen wurden durch die große Flut getilgt, jetzt ist ein Neuanfang möglich. Als wäre nie etwas geschehen, breitet Noah seine Hände segnend über die Erde aus. Sein Gesichtsausdruck wirkt zufrieden, als hätte nicht gerade eine Katastrophe alles zerstört.

Feuerräder

Feuer hat die Menschen schon immer schon fasziniert. Es ist etwas Bedrohliches und ermöglichte überhaupt jede Art von Zivilisation. Wer das Feuer beherrscht, der hat auch die Macht. Feuer, und das war wohl die erste Erfahrung der frühen Menschheit, ist gefährlich und zerstört, Feuer ist lebensbedrohlich. Wenn es wütete konnte man ihm keinen Einhalt gebieten, es blieb nur die Flucht, bis heute. Aber es gelang auch, niemand weiß so recht wann, das Feuer zu zähmen und für den eigenen Gebrauch einzusetzen. Zunächst musste man es hüten, weil es nicht selbst entzündet werden konnte. Später, mit entsprechenden Werkzeugen, war es immer verfügbar und frei nutzbar. In der griechischen Mythologie waren es die Götter, die den Menschen das Feuer vorenthalten haben. Erst der Ungehorsam des Prometheus brachte den Menschen das Feuer und damit auch die Kultur.

Zwischen Chaos und Ordnung

Wenn man die Autobahnkirche betritt, dann fällt der Blick sofort auf das Lamm Gottes, das zentral im Westfenster zu sehen ist. Es ist eingerahmt von goldenen Glaselementen, die eine besondere Anordnung zeigen. Auf der rechten Seite hat Emil Wachter sie geordnet, so dass kleine goldene Diamanten erscheinen. Dieser geordneten Struktur widerspricht die auf der linken Seite. Dort tauchen zwar auch einzelne Diamanten auf, aber man sieht auch mehr Unordnung, andere Farben und Formen, bis hin zu größeren schwarzen Flächen. Auch wenn das Lamm in der Mitte den Blick auf sich zieht, diese gestalteten Elemente geben dem Lamm den entsprechenden Rahmen.

Überleben in der Nussschale

Als die Autobahnkirche gebaut und das Außengelände Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geplant und angelegt wurden, waren die Veröffentlichungen des Club of Rome über die Zerstörung der Erde und Vernichtung der Lebensgrundlagen für die Menschheit in aller Munde. Zum ersten Mal stellte sich die Frage, wie die Menschen überleben können angesichts der vielfältigen Bedrohungen neben der ständigen Angst vor einem dritten Weltkrieg. Erstmals war es in des Bewusstsein gekommen, dass die größte Bedrohung für den Menschen der Mensch selbst ist. Seither wird darüber gestritten, wie diese Ergebnisse interpretiert werden müssen und was die Menschheit unternehmen kann. Emil Wachter hat am Noah-Turm dafür ein Bild geschaffen, dass diese Bedrohung zeigt.

Nimm doch Platz!

Die meiste Zeit findet man in der Autobahnkirche einen freien Platz, auf den man sich setzen kann. Diese Einladung ist ausgesprochen: »Nimm Platz und nimm dir Zeit!« In der Fensterfront der Nordseite sehen wir auch einen freien Platz. Emil Wachter hat den Thron Gottes dargestellt und dieser Thron ist unbesetzt. Warum wohl? Wir können uns unterschiedliche Möglichkeiten ausmalen, es gibt viele Deutungen für diesen leeren Thron. Wir können ihn zum Beispiel auch als eine Einladung sehen, selbst Platz zu nehmen. Aber auf dem Thron Gottes? Da habe ich doch nichts verloren! Dieser Thron ist nicht für mich.

Grabesruhe

Man muss schon genau hinsehen, um den mit Leinenbinden umwickelten Leichnam Jesu in der Autobahnkirche zu entdecken. Dabei ist es eine alte Tradition in den Kirchen, am Karsamstag ein heiliges Grab aufzustellen um daran zu erinnern, dass Jesu wirklich gestorben ist und im Grab gelegen hat. Emil Wachter hat dieses Grab in die Fensterfront integriert und so ist es das ganze Jahr über sichtbar, und doch nicht so schnell zu finden. Der Leichnam verbirgt sich unter einer großen, glaslosen Schicht von Beton, mit einer dunkelblauen Kuppel abgeschlossen. Mit dieser Darstellung knüpft Emil Wachter an das Heilige Grab in den Kirchen an.

Dein Reich komme

Die erste Bitte aus dem Vaterunser ist uns sehr vertraut, wir sprechen sie fast schon selbstverständlich aus. Auch die Rede vom Reich Gottes geht uns leicht über die Lippen. Aber wissen wir eigentlich, um was wir dabei beten und von was wir reden? Zunächst einmal wird deutlich, dass wir um etwas beten, das jetzt noch nicht da ist. Aus der Verkündigung von Jesus wissen wir aber, dass er die Gegenwart des Reiches verkündet hat. Es ist unter Euch, wie er immer wieder betont hat. Sein ganzes Handeln und Wirken diente dem Aufweis, dass diese Herrschaft Gottes jetzt schon sichtbar und lebendig ist. Ein Blick auf unsere Welt, auf die zur Zeit Jesu und auf unsere gegenwärtige belehrt uns eines besseren. Das soll das Reich Gottes sein, in dem wir leben? Nie und nimmer!

Erreichbar sein

Wenn man nach einem Symbol für unsere Zeit, für die Moderne und die Postmoderne, sucht, dann fällt mir sofort das Telefon ein. Es steht für Kommunikation um den ganzen Globus, es steht für schnellen Austausch von Nachrichten und es steht für die Verbindung, die wir auf diese Weise miteinander eingehen und halten können. Zur Zeit als die Autobahnkirche gebaut wurde, hatten die meisten Telefone noch Wählscheiben und waren mit einem Kabel an der Wand festgemacht. Aber an der Art und Weise der Kommunikation hat sich nichts geändert, heute nehmen wir es häufiger und überall in die Hand und telefonieren, wenn wir das überhaupt noch tun, kaum noch auf dem Festnetz.
Im Fenster von Herodes an der Nordseite der Autobahnkirche steht es unter dem Diktator. Es zeigt die Schattenseite dieser Art und Weise der Kommunikation.

Wer hat die Macht?

Wenn die Machtfrage gestellt wird, dann geht es meist um alles oder nichts. Und da ist es unerheblich, ob es um politische Macht geht, um wirtschaftliche oder kulturelle Macht. Auch spielt es keine Rolle, ob diese Machtkämpfe auf globaler, nationaler oder privater Ebene ausgefochten werden. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Leid und Schmerz, die durch Kriege und Repressionen um Macht und Machterhalt verursacht wurden. Und diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Was auf der großen Bühne stattfindet, gibt es aber auch im kleinen privaten Umfeld. Wer hat das Sagen im familiären Betrieb, wer setzt sich im Verein durch, wer kann sein Produkt am Markt durchsetzen und wessen Familie bekommt die lukrativsten Posten zugesprochen? Auch hier geht es um Macht und sei es nur um Gestaltungsmacht, mit der ich Vorgänge beeinflussen kann.

Sündenfall?

Kaum eine Geschichte aus dem Buch Genesis hat so großen Einfluss auf die jüdisch-christliche Welt ausgeübt wie die Erzählung vom Sündenfall von Adam und Eva. Die beiden übertreten das Gebot Gottes, von dem einen Baum nicht zu essen und sie werden mit der Vertreibung aus dem Paradies, mit dem Tod und mit mühsamem Leben bestraft. Es tauchen beim Hören ganz viele Fragen auf, die sich modernen Menschen stellen. Nicht umsonst finden wir diese Szene auch von Emil Wachter am Noah-Turm gestaltet. Der Sündenfall ist ein Mythos, mit dem erklärt werden soll, warum unsere Lebensumstände so sind, wie sie sind. Der Verfasser des Buches Genesis macht den Menschen dafür verantwortlich, der sich gegen das göttliche Gesetz auflehnt. So weit so gut. Aber worin das göttliche Gesetz besteht, wird nicht ganz deutlich. Ist es die Unterscheidung zwischen gut und böse?

Paradiesische Zustände

An was denken wir, wenn wir vom Paradies sprechen? Welche Zustände sind denn paradiesisch? Wahrscheinlich hat jeder und jede von uns eine andere Vorstellung vom Paradies, aber wir wissen auch - und das ist Teil der Rede vom Paradies - dass es nicht wirklich existiert. Es bleibt das Ideal, der Traum, die Vision. Als Sinnbild für diesen Traum können wir das erste Menschenpaar heranziehen, wie es in der Bibel beschrieben ist. Emil Wachter hat die beiden an der Westseite vom Noah-Turm dargestellt. Adam und Eva sind nackt und in ihren Körperformen schön gestaltet. Nichts trennt sie von ihrem Ursprung, alles ist gut. Das Leben hat, so würden wir es heute sagen, noch nicht mit aller Wucht zugeschlagen und sie ihrer Unschuld beraubt. Sie leben in einer heilen Welt, im Paradies eben.

Achtsamen

Das Mandala gehört zu den Motiven, die uns zur Achtsamkeit einladen. In der Bilderwelt der Autobahnkirche finden wir mehrere, die Emil Wachter gestaltet hat. Ein sehr großes sehen wir am Abrahamstor. Dieses Mandala hilft uns, den Blick auf das Wesentliche, auf die Mitte hin zu fokussieren. Die Struktur, die sich ständig wiederholt, wird zur Mitte hin wie bei einem Fraktal immer feiner, bleibt aber erkennbar. Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, ein Begriff, in dem sich heute viele spirituelle Praktiken zusammenfassen lassen, dann tun wir das Gleiche. Wir lernen, unseren eigenen Mittelpunkt zu finden und uns auf das Wesentliche in unserem Leben zu konzentrieren.
Achtsamkeit wird so zu der religiösen oder spirituellen Praxis schlechthin. Und wie oft wird in der Literatur dazu aufgefordert, Achtsamkeit zu entwickeln und zu fördern, in ihr finden wir derzeit das Allheilmittel gegen die Gefahren für Leib und Seele, die uns modernen Menschen drohen.

Lebe den Augenblick

Heutzutage ist die Forderung, den Tag und noch besser den Augenblick zu genießen, zum Allgemeingut geworden. Genuss gehört zum Lebensgefühl unserer westlichen Welt. Manchmal könnte man sagen, dass alles, was wir tun, letzten Endes darauf abzielt. So wie die selbstverständliche Nutzung von technischen Errungenschaften gehört das Genießen zu unserem Lebensstil - wenn man es sich leisten kann. Aus dem »Carpe diem - Nütze den Tag« wird das »Genieße den Augenblick«. Was ursprünglich dazu gedacht war, bei der Kürze des Lebens so nützlich wie nur irgendmöglich zu sein, den Tag so gut und sinnvoll wie es nur geht, zu nützen, kehrt sich in das Gegenteil um. »Strebe für Dich so viel Genuss wie möglich an, nur so findest Du den Sinn des Lebens bzw. das ist der Sinn des Lebens.«

Das erste Glaubensbekenntnis

Als Zuschauer der Geiselung Jesu hat Emil Wachter einen Soldaten, wahrscheinlich mit einem höheren Dienstgrad gesetzt. Er steht da, lässig an den Fensterrahmen gelehnt und schaut sich an, was da geschieht. Er macht seinen Dienst wie immer. Man kann sich auf ihn verlassen. Er überwacht das Geschehen, denn er ist ja zuständig für die korrekte Durchführung der Geiselung und der anschließenden Kreuzigung. Und das, was er sieht, ist sein Alltag. Dienstbeflissen und nicht allzu eifrig macht er, was von ihm verlangt wird, es ist ja keine große Herausforderung. Er scheint auch etwas abgestumpft für das Geschehen, er kennt es ja. Dieser Jesus ist ja nicht der erste Verurteilte, den er zur Kreuzigung führen wird. Er hat schon viele Sterben gesehen. Er gehört ja zur römischen Besatzungsmacht, die ihren Anspruch mit Gewalt durchsetzen muss. Und als Offizier der Herrschenden muss er diese Aufwiegler und Ruhestörer zur Strecke bringen.
Aber er steht auch da und ist neugierig. Passiert diesmal irgendetwas Außergewöhnliches?

Lichtgott

Wie können wir heute überhaupt von Gott reden? Oder sollte man von dem, was man nicht sagen kann, nicht doch besser schweigen? Im Gedicht »Psalm« schreibt Paul Celan (1920-1970): »Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand bespricht unseren Staub. Niemand. Gelobt seist du, Niemand.« Er drückt seine Sprachlosigkeit dadurch aus, dass er Gott mit der Leerstelle des Nichts, des Niemand ausfüllt. Aber er wendet sich diesem Niemand zu, indem er Niemand lobt. Es ist der Weg der Mystik, den er zu gehen versucht, um im Paradoxon das Wesentliche zu erfassen. Ähnlich auch Emil Wachter im Geburtsfenster der Autobahnkirche. Er weiß auch von der Unsagbarkeit Gottes. Als Künstler kann er aber nicht mit der Leerstelle des Nichts arbeiten, er muss etwas darstellen und es ist auch sichtbar, wenn er nichts zeigt.

Wie beten?

Früher war es selbstverständlich und die meisten wussten auch, wie es geht. Doch heute sind wir überfordert, wenn es um das Beten geht. Es fehlen die Worte, wir tun uns schwer, mit entsprechenden Haltungen und nicht zuletzt wissen wir oft nicht mehr, zu wem wir beten können oder sollen. Wir spüren, dass die Gebete, die wir als Kinder gelernt haben, uns nicht mehr entsprechen, wir haben sie zu Recht aufgegeben. Aber gibt es einen guten Ersatz dafür? Oder bleibt uns nur die Sprach- und Ratlosigkeit? Der Blick in die Welt zeigt: Es gibt eine große Vielfalt von Beten. Unter diesem Begriff fassen wir all das zusammenfassen, was uns hilft, mit Gott in Kontakt zu kommen.
Emil Wachter zeigt in der Autobahnkirche immer auch Darstellungen von betenden Menschen. Er beruft sich dabei auf die christliche Tradition, in der verschiedene Haltungen gezeigt und praktiziert wurden. Knien oder sitzen, Stehend oder liegend, stilles Gebet oder mit Worten, freie Rede oder vorformulierte Gebete, alles hatte seinen Platz und seine Zeit. Die Darstellung einer kauernden Person ist dabei eher ungewöhnlich.

Hinhorchen

Auch wenn das Christentum zu den Buchreligionen gehört, ist das Lesen doch nicht die wichtigste Eigenschaft, die man mitbringen sollte. Wir müssen davon ausgehen, dass erst seit der Erfindung des Buchdrucks das Lesen im Vordergrund stand. Bis dahin wurden die Geschichten und betrachtenden Texte der Bibel über das Vorlesen vermittelt und durch aktives Zuhören aufgenommen. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass die erste Begegnung mit dem Wort Gottes über das Hören geschieht.

Täter oder Mitläufer

Wie sehr macht man sich schuldig, wenn man ein grausames Geschehen nur mit anschaut oder unbeteiligt zulässt? Diese Frage wird immer wieder diskutiert. In der deutschen Geschichte wurde es auch entsprechend thematisiert. War man in der Nazizeit Täter, Mitläufer oder Opfer? Man stellte fest, dass es gar nicht so einfach ist, diese Frage zu beantworten. Wenn man es in der Rückschau tut, dann ist es einfacher zu urteilen, aber man sollte sich dann die Frage stellen, wie man selbst in dieser Situation gehandelt hätte, wohl wissend, dass man sich auch als Mitläufer schuldig gemacht hätte.

Um Kopf und Kragen geredet

Johannes der Täufer war ein konsequenter Mensch. Er hat das gelebt, was er gepredigt hat. Er hat die Konsequenzen dafür getragen. Er hat mit seinem Leben für die Botschaft der Lebensveränderung bezahlt. Wahrscheinlich war die Predigt, die die Umkehr der Menschen gefordert hat, gar nicht ausschlaggebend für seine Hinrichtung. Viel eher seine offene Kritik am Verhalten der Oberschicht und besonders an König Herodes. Die Rede von einem Gott, der die Menschen liebt und auf der Seite der Schwachen steht, kommt bei Mächtigen nie gut an. Sie fühlen sich bedroht, weil ihre Privilegien in Frage stehen, und sie ihr Leben nicht mehr wie gehabt weiterführen können. Johannes wird in den Kerker geworfen und nach einem Tanz von Salome, der Tochter des Herodes geköpft, weil sie sich seinen Kopf als Belohnung ausbedungen hat, wahrscheinlich deshalb, weil sie dazu angestiftet wurde.
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Gargolien

Wir kennen unzählige von ihnen und haben sie auch schon oft gesehen. Von alten gotischen Kathedralen blicken sie auf die Menschen in Form von Wasserspeiern, Brüstungen und als Zierwerk herab. Sie haben unterschiedliche Formen und Gestalten, mal halb Mensch, halb Tier, mal Teufel, mal mit einer dämonischen Fratze, mit Flügeln und aufgerissenen Mündern, zähnefletschend und scheinbar laut schreiend. Die Rede ist von Gargolien, die heute zwar beliebte Fotomotive sind, aber warum es sie gibt, ist weniger bekannt. Wir wundern uns darüber, was diese Früchte des Aberglaubens an einer Kirche verloren haben. Und in der Autobahnkirche taucht mindestens eine von diesen Gestalten in der Krypta auf. Grund genug, um über dieses Relikt abendländischer Geistesgeschichte nachzudenken. 
Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten vor ihrer Umwelt Angst. Der Teufel trieb sein Unwesen, man musste sich hüten, nicht in seine Fänge zu geraten. Dämonen waren überall. Hinter jeder Ecke konnte der Verführer lauern und locken oder erschrecken. Göttliche Mächte standen mit den bösen in einem ständigen Kampf, die Seelen der Menschen sollten die Beute sein, das Leben der Menschen war der Kampfplatz.
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