
Auserwählt zu sein, ist nicht immer leicht. Natürlich strebt es man es an, ganz vorne zu sein und man genießt es auch, wenn man unter vielen Bewerbern den Zuschlag für eine Stelle erhält oder bei einem Casting den ersten Platz macht. Aber solch ein Sieg ist immer auch eine Verpflichtung und bringt auch Negatives mit sich. Erwählt oder ausgewählt zu werden hat zunächst einmal eigene Ohnmacht als Vorbedingung. Man muss sich in die Hände anderer begeben, die über das eigene Schicksal entscheiden. Wie die Entscheidung getroffen wird, kann man oft nicht nachvollziehen, im besten Fall war man unter den Besten oder hatte gar den Spitzenplatz inne. Aber eines muss deutlich sein. Wer ausgewählt wurde, musste sich zunächst anderen ausliefern. Ganz anders erzählt es das Erste Testament. Dort ist immer wieder von Erwählung die Rede. Gott hat beispielsweise Abraham erwählt, ohne ihn zu fragen, ob er sich überhaupt bewerben will. Am Abrahamstor der Autobahnkirche hat Emil Wachter diese Erwählung als wertvolle Perle dargestellt. Aber ist Erwählung immer so wertvoll, dass man sie mit einer kostbaren Perle vergleichen kann?
Abraham wurde ausgewählt, ebenso Isaak, und Jakob hat sich, weil er von Gott ausgesucht war, den väterlichen Segen erschlichen und seinen älteren Bruder Esau übervorteilt. Doch die Erwählung war für alle, die Propheten des Volkes Israels wissen ein Lied davon zu singen, eher mühsam und machte einsam. Wer erwählt wurde, lief Gefahr, dass man ein unruhiges Leben führen musste. Abraham war sein Leben lang unterwegs und musste im hohen Alter, eben weil er von Gott erwählt wurde, noch einmal an einem ganz anderen Ort neu anfangen.

Er wurde mit ungeheuerlichen Forderungen auf die Probe gestellt, oder wie sollte man es deuten, wenn Gott verlangt, den eigenen Sohn zu opfern? Was geht wohl im Kopf eines Erwählten vor? Ist er oder sie glücklich? Wird die Perle als Schatz getragen oder ist es nicht eher eine Bürde, die einem um den Hals gehängt wird und die man lieber früher als später wieder loswerden möchte? Wie hoch ist der Preis, den ich zahle, damit ich am Ende sagen kann: »Gott schaut mich an? Gott hat mich erwählt?« Wir neigen dazu, die Perspektive Gottes einzunehmen, doch wie sieht es aus, wenn wir aus der Perspektive des Erwählten schauen?