Der leere Kreis

Wenn wir auf etwas Wichtiges aufmerksam machen wollen, dann kreisen wir es ein. Die Kreislinie markiert, das, das sie umschließt, als bedeutsam und bemerkenswert. Was eingekreist ist, wird nicht übersehen. Was aber, wenn ein Kreis gezogen wird, in dem sich nichts befindet? Ist dann etwas schiefgelaufen? Oder wird etwas Widersinniges betont, das wir nicht verstehen? Leere Kreise tauchen immer wieder in spirituellen Traditionen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen auf. Sie sind meist ein Verweis auf das unbegreifliche Geheimnis Gottes oder Sinnlosigkeit, ein festes Ziel zu definieren.
Der leere Kreis verweist auf etwas, das in sich geschlossen ist. Wenn man auf der Kreislinie bleibt, dann dreht man sich im wahrsten Sinn des Wortes im Kreis und kommt nie ans Ziel. Man ist ständig in Bewegung, ohne Anfang und ohne Ende, kommt immer wieder an den gleichen Punkt und im Weiterschreiten keinen Schritt weiter. Da hilft es nichts, aus der Not eine Tugend zu machen und davon zu reden, dass der Weg das Ziel sei, es bleibt letzen Endes sinnlos. Es geht bei leeren Kreisen um etwas anderes. Wir kreisen das ein, was wichtig ist. In diesem Fall Nichts, groß geschrieben. Nichts ist wirklich wichtig, denn im Nachdenken über Nichts kommen wir weiter. Es geht auch nicht darum, um das Nichts zu kreisen. Die erwähnten spirituellen Wege sprechen deshalb eher vom Versuch, alles loszulassen und immer mehr mit »Nichts« eins zu werden: Im Tao Te King, einer Spruchsammlung von Lao Tse aus dem alten China heißt es:
»Wer das Lernen übt, vermehrt täglich. Wer das Nichts übt, vermindert täglich. Er vermindert und vermindert, bis er schließlich ankommt beim Nichtsmachen. Beim Nichtsmachen bleibt nichts ungemacht.« (Tao Te King, Spruch 48, nach der Übersetzung von Richard Wilhelm) Hinter diesem Satz steht die Erfahrung, dass wir, selbst wenn wir »Nichts« tun, ganz viel erreichen und verändern. Das müssen wir immer wieder neu lernen, denn wir sind es gewohnt, immer geschäftig zu sein. Es kommt aber darauf an, dass wir einüben, was es heißt, »Nichts« zu tun. Schwierig? Wahrscheinlich, aber es lohnt sich!
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Das unschuldige Opfer

In mythologischen Religionen braucht es Opfer, um sich mit den Göttern wieder gut zu stellen. Sie sollen besänftigt werden, indem man etwas von dem, was man erwirtschaftet hat oder was einem wertvoll ist, abgibt, es den Göttern opfert. Im Buch Genesis wird Abraham aufgefordert seinen Sohn zu opfern, um seinen Glauben an Gott zu beweisen. Aus heutiger Sicht eine Ungeheuerlichkeit. Ein Gott, der von Menschen fordert, dass sie ihr eigenes Fleisch und Blut opfern, das geht heute nicht mehr. Überhaupt muss die Frage erlaubt sein, ob wir im religiösen Bereich noch von Opfern sprechen sollen. Ein Opfer ist immer unschuldig, es kann nichts dafür, dass es ausgewählt wurde. Im Gegenteil, ein Opfer sollte möglichst rein sein, um sich Gott gegenüber würdig zu erweisen. Je reiner, umso wertvoller. 
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