Es gibt Darstellungen in der Autobahnkirche, die verstören und lassen das Herz bluten. Dazu gehört auf jeden Fall die trauernde, weinende, vor Schmerz schreiende Rahel an der Westwand der Krypta. Als Herodes nach der Darstellung im Matthäus-Evangelium alle kleinen Knaben töten lässt, um den verheißenen Messias zu vermeiden, stürzt er viele Familien und ihre Mütter ins Unglück: »Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, wurde er sehr zornig. Er befahl, in Betlehem und Umgebung alle kleinen Jungen zu töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach der Zeitspanne, die er aus den Angaben der Sterndeuter entnommen hatte. So sollte in Erfüllung gehen, was Gott durch den Propheten Jeremia angekündigt hatte: ›In Rama hört man Klagerufe und bitteres Weinen: Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen; denn sie sind nicht mehr da.‹« (Matthäus 2,16-18, Übersetzung Gute Nachricht) Das Zitat, auf das sich der Verfasser des Matthäus-Evangeliums bezieht, beschreibt die Situation und Trauer, nachdem die Oberschicht Israels in das Exil nach Babylon verschleppt wurde. Rahel, eine der vier Stammmütter Israels und die Lieblingsfrau von Jakob, steht für das ganze Volk, das trauert, weil ihre Kinder nicht mehr da sind. Die Situation zur Zeit Jesu ist eine andere. Jetzt geht es um willkürlich getötete Kinder, sinnlos hingemordete Hoffnungen der Familien.
Der Schmerz aller Mütter gipfelt im Klagen der Rahel. Sie steht nicht mehr nur für die Trauer in Israel, sondern es ist der Klageschrei aller Mütter und Väter, die um ihre Kinder trauern. Krankheiten, Gewalt, Hunger, Flucht und Krieg, aber auch Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen und Dürren fordern besonders unter den Kindern die meisten Opfer. Die schwächsten Glieder der Gesellschaft, die, die am meisten Schutz brauchen, gehen zugrunde. Es spielt fast keine Rolle mehr, warum, der Schmerz ist der gleiche. Es ist die Trauer um Leben, das nicht gelebt werden konnte, das abgeschnitten wurde bevor es richtig begonnen hat. Es ist die Klage um den Verlust eigener Perspektiven und die schreckliche Aussicht, mit dem großen Verlust weiterleben zu müssen. All das bündelt sich im Klagen der Rahel.