Der Himmel reißt auf

In einem bekannten Adventslied des Barockdichters Friedrich von Spee (1591-1635) heißt es: »O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!« In diesem Lied ruft der Dichter nach einer Veränderung, für die die Menschen nicht mehr sorgen können. Es braucht das Eingreifen des Heilands, des göttlichen Gesandten, um die Not, die herrscht, zu wenden. So ist dieses Lied angesichts des Elends, das uns in der Welt tagtäglich begegnet, immer noch aktuell. Es führt uns vor Augen, dass wir angesichts des Leidens sehr wenig ausrichten können. Wir haben es nicht in der Hand, genauso wenig wie wir beeinflussen können, ob und wann die Sonne durch die Wolken bricht, wenn der Himmel aufreißt!
An diese Erfahrung knüpft Friedrich von Spee an. Emil Wachter greift dieses Bild im Weihnachtsfenster auf. Hier bricht sich die Sonne Bahn, sie hat die dunkle Wolkenschicht durchbrochen, der Heiland kann kommen. Er ist ja schon da. Dieses Hoffnungszeichen ist sichtbar, die Sonne ist über dem Kind in der Krippe aufgegangen. Wir kennen das, wenn die ersten Sonnenstrahlen nach einem Unwetter durch die Wolken brechen, wenn der Himmel wieder aufreißt. Wir spüren Erleichterung und Freude, dass die bedrohliche Wetterlage vorbei ist und wieder Ruhe einkehrt. 
Emil Wachter und Friedrich von Spee wissen, dass unsere Welt und das Leben bedroht sind, damals und noch viel umfassender heute. Eine aufgerissener Himmel im Adventslied oder in einem Kirchenfenster verändert die Welt nicht, das wissen beide. Aber sie halten die Hoffnung aufrecht, dass das passieren kann. Sie erinnern daran, dass es besser ist, das Licht und das Leben im Bewusstsein zu halten, als sich der Resignation hinzugeben. Sie tun das, was gläubige Menschen tun: Lichter gegen die Dunkelheit aufstellen. Sie sorgen dafür, dass es weitergeht, dass Menschen hoffnungsvoll nach vorne blicken können. Sie sorgen dafür, dass es wieder licht wird!