Stilleschweigen ist lautere Stille

Zwei Hände umfassen eine dunklen Kreis. Dort, wo in der Abbildung das Schwarz ist, brennt in der Krypta der Autobahnkirche eine Lampe. Die Hände tragen und schließen das Licht gleichsam mit ein. Sie schützen es, und zeigen auch, wie gefährdet es ist. Das ist eines der Deckenreliefs in der Krypta der Autobahnkirche, die kaum beachtet werden und doch dem Raum einen besonderen Ausdruck verleihen. Sie laden zur Betrachtung ein und beruhigen den Geist. Sie führen uns ins Schweigen. Das ist ein Schweigen, das nicht nur nicht reden bedeutet. Es ist ein aktives Schweigen, bei dem man nichts sagen will. Meister Eckhart, der mittelalterliche Mystiker, nennt es »Stilleschweigen«. Das ist für ihn die lautere Stille, die reine Stille. Wir können uns das heute sehr schwer vorstellen, weil wir doch sehr von Geräuschen und Lärm umgeben sind. Ich glaube, dass wir von einer tiefen Sehnsucht nach dieser reinen, lauteren Stille erfüllt sind und diese auch suchen. Emil Wachter drückt diese Sehnsucht in diesem Deckenrelief aus.
Wie stillen wir diese Sehnsucht? Oder anders gefragt: Wie geht Stilleschweigen heute? Wir leben ja nicht mehr in der mittelalterlichen Klosterwelt, die sicherlich auch nicht beschaulich war, heute aber verklärt wird. Es muss da aber ein Geist geherrscht haben, der diese Stille ermöglichte. Da war der Tagesablauf mit der geregelten Abfolge von (körperlicher) Arbeit und Gebet. Da war die Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und geholfen hat. 
Da war das Bewusstsein, dass das Leben in einem tieferen Sinn geborgen ist, dass es in den Händen Gottes gehalten wird. Die Liste ließe sich fortsetzen. All das kennen wir so heute nicht mehr. Stille ist nicht mehr so selbstverständlich, dass sie uns zufällt. Es braucht eine bewusste Entscheidung dazu. Das ist Stilleschweigen, Schweigen in der Stille, Stille im Schweigen. Worte sind unnötig, dafür haben wir noch genug Gelegenheit. Beten ist dabei nicht wichtig, es reicht, da zu sein. Stilleschweigen ist ein bewusster Akt, den wir gestalten können. Möglich, dass unser Weg in die Stille über dieses bewusste Tun geht, alles andere ergibt sich daraus.