Wichtige Stütze

In der Krypta der Autobahnkirche gibt insgesamt sieben freistehende Säulen, wo es eigentlich aus Gründen der Symmetrie acht sein müssten. Die Säule in der Nordostecke fehlt. Die Erklärung hierfür ist einfach: In alten Kathedralen und Kirchen stehen die Säulen für die Apostel, sie tragen die Kirche. Durch seinen Verrat ist Judas keiner der Träger der Kirche, im Gegenteil, er ist eine Gefahr für die Kirche. Aus diesem Grund fehlt die achte Säule in der Krypta. Ist das richtig? Folgt man den Evangelien und der Haltung gegenüber Judas und seinem Verrat in der Kirchengeschichte, dann ist das folgerichtig. Einer, der für vierzig Silberlinge Jesus an die Häscher des Rates und an die Besatzungsmacht der Römer ausliefert, kann nichts anderes als in den tiefsten Pfühlen der Hölle schmoren. Er hat keinen Teil an der Erlösung. In alle Ewigkeit muss er für seine Missetat büßen. 
Judas hat aber auch eine andere Seite, die ihn zu einem wichtigen Zeugen und zu einer Stütze der Kirche macht, besonders für uns Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert. Judas war ein glühender Verehrer von Jesus und hat ihn immer wieder gedrängt, doch endlich seine Macht zu zeigen und sich als Messias zu offenbaren. Er war ein Eiferer, der ganz für seine Sache aufging. So ist der Verrat auch ein taktisches Mittel, um Jesus in die Enge zu treiben, dass er gar nicht anders konnte, als sich zu offenbaren. Jesus tut das nicht, sondern er geht einen anderen Weg. Judas zieht für sich die Konsequenz. 
Der Legende nach erhängt er sich noch vor der Kreuzigung Jesu nachdem er gesehen hat, dass sein Plan gescheitert ist. Was macht ihn jetzt für uns so wichtig? Es ist sicherlich nicht der Verrat, auch nicht das Eintreten für Gewalt als Mittel der Lösung von Problemen. Aber Judas hat richtig erkannt, dass spirituelle Erfahrungen immer gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen. Ich kann mich nicht auf den geistlichen Bereich beschränken und die Welt und politische Ordnungen anderen überlassen. Jede Theologie braucht eine politische Option, die Rede vom Reich Gottes hat Konsequenzen für unser Leben Hier und Jetzt. Judas hat das erkannt und ist dafür eingetreten. Ob die Wahl seiner Mittel die richtigen waren, darüber kann man streiten. Sein Anliegen aber darf nicht vergessen werden.